Stiftungspreis Citoyenne 2026: Klimaschutz in Frankfurt – drei Projekte, die etwas bewegen
Eine Solaranlage am Balkon, ein Stück Wildnis mitten in der Stadt und Streuobstwiesen mit vielen alten Sorten – die drei Gewinnerprojekte der Citoyenne 2026 machen vor, wie wirkungsvoll gemeinschaftliches Engagement sein kann.
Menschen dazu befähigen, Gutes zu tun – das ist das erklärte Ziel der Frankfurter Stiftung Citoyen. Sie fördert Initiativen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Seit dem Jahr 2012 vergibt die Stiftung mit der Citoyenne alle zwei Jahre einen Preis für Bürgersinn. 2026 stand der von Bethmann HAL als Hauptsponsor unterstützte Wettbewerb unter dem Motto „Ran ans Klima“.
Gesucht wurden ehrenamtlich geführte Projekte aus dem Rhein-Main-Gebiet, die sich aktiv für den Klimaschutz, die Einsparung von Ressourcen oder den Schutz von Flora und Fauna einsetzen. 60 Bewerbungen gingen ein. Die neunköpfige Jury wählte daraus zehn Finalisten und kürte Mitte des Jahres 2026 im Gallus Theater in Frankfurt die drei Gewinner. Te:nor hat sich die Preisträger genauer angesehen.
Platz 1: sozial gerechte Energiewende mit Main Solar Balkon
Ein Blick auf die 20 größten deutschen Städte zeigt: Frankfurt kommt aktuell nur auf 13,16 Photovoltaikanlagen pro 1.000 Einwohner und landet damit im Mittelfeld. Zum Vergleich: Spitzenreiter Bielefeld weist einen Wert von 41,34 auf. Das Projekt Main Solar Balkon möchte das ändern. Es entstand 2023 innerhalb des Frankfurter Vereins zur Förderung von Klimagerechtigkeit e. V. und setzt auf Balkonkraftwerke. „Wir teilen in Workshops unsere Erfahrungen, um zu informieren und Tipps weiterzugeben“, sagt Vereinsmitglied Jochen Müller.
Bislang entstanden aus den Impulsen des Vereins schätzungsweise rund 300 Balkonkraftwerke. Allerdings erreicht das Angebot hauptsächlich Eigentümer. Um auch Mietern mit geringem Einkommen den Zugang zu ermöglichen, spricht das rund zehnköpfige Team daher über die Sozialrathäuser gezielt Menschen an, die Schwierigkeiten haben, ihre Stromrechnung zu bezahlen. „Balkonkraftwerke sind gerade für Menschen mit geringem Einkommen eine konkrete Hilfe: Sie können bis zu 150 Euro im Jahr sparen“, erklärt Müller.
Main Solar Balkon bietet ihnen ein Rundum-sorglos-Paket: Spenden finanzieren die Anlagen, während sich die Projektmitarbeiter um den Papierkram kümmern und mit den Vermietern sprechen. „Für viele ist das der Einstieg in das Thema Energiewende“, sagt Müller. „Plötzlich sehen sie, wie viel Strom der Wäschetrockner oder die Spülmaschine verbraucht.“
Mehr als 20 Balkonkraftwerke hat das Projekt bereits mit Spenden finanziert. „Klimaschutz wird in Teilen der Bevölkerung zunehmend als etwas für Menschen mit hohem Einkommen oder ausgeprägtem Idealismus abgetan. Die Initiative zeigt eindrucksvoll, dass Klimaschutz auch sozial gerecht gelingen kann und nimmt damit eine Vorbildfunktion ein“, sagt Anja Heßeler, Leiterin Vermögensverwaltung und liquide Assets bei Bethmann HAL und Mitglied der Citoyenne-Jury. Mit dem Preisgeld von 5.000 Euro möchte der Verein acht bis zehn weitere Balkonkraftwerke finanzieren.
Platz 2: Neue Stadt Wildnis schafft Freiraum für die Natur
Als 2022 im Frankfurter Stadtteil Eckenheim auf einer Brachfläche asphaltierte Geh- und Radwege entstanden, schlossen sich mehrere Anwohner zur Initiative Grünzug Eckenheim und zum Projekt Neue Stadt Wildnis zusammen. Ihr Ziel: Sie wollen weitere Betonwege verhindern und schlagen eine andere Route vor. Die geplanten Wege würden durch ein verwildertes Gebiet führen und den Lebensraum zahlreicher Pflanzen und Tiere zerstören. „Gerade im Sommer 2026 hat man gemerkt, wie sehr sich Städte aufheizen. Die Initiative trägt mit ihrem Engagement dazu bei, die Wildnisflächen zu erhalten, zu pflegen und auszubauen. Sie schafft damit Orte der Abkühlung und fördert die Artenvielfalt“, erklärt Jury-Mitglied Heßeler.
Der Einsatz von Neue Stadt Wildnis geht inzwischen weit über die neue Routenführung hinaus: Bei regelmäßigen Säuberungsaktionen befreien die Mitglieder die Flächen von Müll und richten Totholzecken ein, die Vögeln und Kleintieren Schutz bieten. In einem Areal entsteht ein Gemeinschaftsgarten. Damit schafft die Initiative einen Ort nachbarschaftlicher Begegnung und stärkt zugleich das Bewusstsein für Flora und Fauna. Bei der Pflege und der weiteren Planung der Wildnis stimmt sich die Initiative regelmäßig mit allen Beteiligten ab, darunter mit dem Ortsbeirat und mit dem Grünflächenamt. Besonders die Bereitschaft zur Zusammenarbeit überzeugte die Citoyenne-Jury und brachte dem Projekt den zweiten Platz und 3.000 Euro Preisgeld ein.
Platz 3: Nachhaltig wirtschaften auf dem Kirdorfer Feld
Im Norden von Bad Homburg liegt das Kirdorfer Feld. Auf mehr als 160 Hektar erstreckt sich dort ein Naherholungsgebiet mit Streuobst- und Mähwiesen, Ackerflächen sowie einigen Kleingärten. Seit 20 Jahren setzt sich die Interessengemeinschaft Kirdorfer Feld e. V. für den Erhalt der Streuobstwiesen ein. Dort wachsen vor allem Apfel-, aber auch Birnen- und Quittenbäume. Die Vereinsmitglieder befreien die Flächen regelmäßig von Buschwerk, schneiden die Bäume und setzen neue. Rund 1.000 Obstbäume habe der Verein in den vergangenen zwei Jahrzehnten gepflanzt, berichtet der Vereinsvorsitzende Michael Korwisi.
Zur Arbeit gehören auch die Ernte und die Verarbeitung des Obsts in der eigenen Kelteranlage. Die Gemeinschaft produziert Säfte, Wein, Sekt und Fruchtgelees, die sie samstags vor Ort verkauft. Daneben finanziert sie sich über die Beiträge der rund 500 Mitglieder, über Spenden sowie über einen jährlichen Zuschuss der Stadt Bad Homburg.
„Der Verein bewahrt nicht nur alte Apfelsorten und die Kelterei, sondern bietet mit den Streuobstwiesen auch zahlreichen Tierarten einen Lebensraum“, sagt Heßeler. Bei der Jury der Citoyenne punktete zudem das energieeffiziente Vereinshaus: Auf dem Dach produziert eine Photovoltaikanlage Strom. Eine Luft-Wärmepumpe, eine Fußbodenheizung und eine Brauchwasserzisterne ergänzen das nachhaltige Konzept. „Wir sind energetisch autark und erzeugen mehr Energie, als wir verbrauchen“, sagt Korwisi.
Die kurzen Wege von der Ernte bis zum Verkauf schonen außerdem das Klima. „Unsere Produkte haben einen um ein Vielfaches geringeren CO2-Fußabdruck als vergleichbare Ware aus dem Handel“, betont der Vereinsvorsitzende und ergänzt: „Die Auszeichnung ist eine schöne Anerkennung für unsere Arbeit und ein Ansporn, genauso weiterzumachen.“ Das gelingt künftig leichter mit einem Gabelstapler, zu dessen Finanzierung die 1.500 Euro Preisgeld beitragen.
Drei Projekte, eine Botschaft
Von modernen Balkonkraftwerken über wilde Stadtnatur bis zu alten Obstbaumbeständen – die drei Projekte zeigen, wie viel gemeinschaftliches Engagement für Klima und Umwelt bewirken kann. Auch für Heßeler steht fest: „Wenn jeder einen kleinen Beitrag in seinem Umfeld leistet, lässt sich viel bewegen.“
58,3 Prozent
der Bewohner Hessens engagieren sich freiwillig.
Quelle: Involas GmbH
980.000 Menschen
sind deutschlandweit beim Umweltverband Nabu aktiv.
Quelle: Nabu, April 2026
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