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„Resilienz ist das beste Mittel gegen Krisen“

Text von Sina Hoffmann
29.09.2026
Nachhaltigkeit
Welthungerhilfe Pressefoto, schwimmender Gemüsegarten in Bangladesch | © Welthungerhilfe Pressefoto, schwimmender Gemüsegarten in Bangladesch

Bild: Welthungerhilfe Pressefoto, schwimmender Gemüsegarten in Bangladesch

Kriege, Dürren und steigende Preise gefährden an immer mehr Orten die Ernährungssicherheit. Christian Stark, Leiter der Abteilung Philanthropie & Partnerschaften bei der Welthungerhilfe, erklärt im Interview, wie die Hilfsorganisation mit ihrem Ansatz Nutrition Smart CommUNITY Dorfgemeinschaften widerstandsfähiger macht.

Herr Stark, die Welthungerhilfe hat den Ansatz Nutrition Smart CommUNITY (NSC) entwickelt – ein Programm, das Dorfgemeinschaften im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung stärkt. Wie ist die Idee entstanden?

Christian Stark: Der NSC-Ansatz geht auf ein Projekt zurück, das wir 2018 in einem Dorf in Zentralindien umgesetzt haben. Dort erarbeiteten Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam mit Fachkräften, wie sie Kinder besser ernähren, eigene Gärten anlegen sowie Wasser- und Hygienestandards verbessern können. Die Veränderungen im Dorf waren so deutlich, dass die Welthungerhilfe den Ansatz weiterentwickelt und auf andere Länder übertragen hat. Zunächst nach Nepal, Bangladesch und Tadschikistan, dann in die afrikanischen Länder Sierra Leone, Malawi, Äthiopien und zuletzt in Burundi. Ziel ist es, diesen Ansatz nach und nach in weiteren Regionen einzusetzen, in denen Hunger und Mangelernährung besonders verbreitet sind.

Was ist der Kerngedanke des Ansatzes?

Hunger hat selten nur eine Ursache. Es reicht nicht, wenn eine Familie ausreichend Geld zur Verfügung hat, aber weiterhin nur nährstoffarmen Maisbrei bekommen kann, keinen Zugang zu sauberem Wasser hat und keine Gesundheitsversorgung in der Nähe findet. Der NSC-Ansatz setzt deshalb an mehreren Punkten an: Wir ermöglichen Familien zum Beispiel den Zugang zu Saatgut und Werkzeugen, unterstützen sie beim Anlegen von Hausgärten und fördern Weiterbildung in Themen wie Landwirtschaft, Ernährung und Ressourcenmanagement. Die Menschen sollen nicht nur kurzfristig mehr zu essen haben. Sie sollen selbst Wege finden, ihre Ernährung langfristig zu sichern.

Der NSC-Ansatz setzt aber früher an: Resilienz ist das beste Mittel gegen Krisen.
Christian Stark, Welthungerhilfe Abteilung Philanthropie & Partnerschaften

Wie wird auf unterschiedliche lokale Gegebenheiten eingegangen? 

Wir befragen die Dorfgemeinschaften vor dem Start der Projekte nach ihren Herausforderungen. Gemeinsam setzen wir passende Schwerpunkte. Äußere Einflüsse spielen dabei eine große Rolle: Eine lange Dürre, ein bewaffneter Konflikt oder eine Überschwemmung können die Lebensgrundlagen einer Gemeinde innerhalb kurzer Zeit verändern. In solchen besonders betroffenen Gemeinden ist es zum Beispiel oft hilfreich, dass Bewohnerinnen und Bewohner Unterernährung bei Kindern erkennen können. Dafür bilden wir dann Menschen vor Ort aus. Wir schauen uns genau an, welchen Risiken die Menschen ausgesetzt sind und welche Strukturen sie widerstandsfähiger machen.

Warum ist der NSC-Ansatz in einer Welt mit immer mehr Krisen besonders wichtig?

Die Welthungerhilfe hilft selbstverständlich auch in akuten Krisen, wenn Menschen dringend Nahrungsmittel, Wasser oder medizinische Versorgung benötigen. Der NSC-Ansatz setzt aber früher an: Resilienz ist das beste Mittel gegen Krisen. Je stabiler die Lebensgrundlagen im Dorf sind, desto weniger Unterstützung von außen brauchen Menschen, wenn die nächste Dürre oder Überschwemmung kommt – und desto besser können sie sich selbst helfen.

Wie verändert der Klimawandel die Arbeit vor Ort?

Der Klimawandel verstärkt viele Herausforderungen, die vorher schon da waren. In vielen Ländern in Subsahara-Afrika werden Trockenzeiten länger und extremer. Auch Starkregen und Stürme werden häufiger. Ernten fallen aus, Böden erodieren, Vieh verendet – und die Menschen haben kaum Reserven. Darauf müssen sie sich vorbereiten. Wir vermitteln deshalb Anbaumethoden, die besser an veränderte Wetterbedingungen angepasst sind, und setzen Saatgut ein, das robuster ist. Die Familien lernen außerdem, Vorräte anzulegen und Wasser zu speichern, sodass es auch während langer Trockenperioden reicht.

Ein Projekt kann scheitern, wenn es von außen geplant wird und die Menschen vor Ort nicht selbst Verantwortung übernehmen.
Christian Stark, Welthungerhilfe Abteilung Philanthropie & Partnerschaften

Im NSC-Ansatz spielt der Anbau von Lebensmitteln eine zentrale Rolle. Worauf achtet die Welthungerhilfe dabei? 

Wichtig ist, was am Ende auf den Teller kommt: Frauen etwa sollten innerhalb eines Tages Lebensmittel aus mindestens fünf verschiedenen Nahrungsmittelgruppen konsumieren können. In vielen Regionen gibt es zwar ausreichend Kalorien durch Maisbrei oder Reis, aber kaum Nährstoffe – die Menschen sind dann trotzdem mangelernährt. Zudem achten wir darauf, Pflanzen anzubauen, die resilient gegenüber dem Klimawandel sind. So wachsen etwa hitzeempfindliche Gemüsearten unter höheren Pflanzen, die Schatten spenden. Dabei greifen wir auch auf Pflanzen zurück, die kulturell in der Region verankert waren, aber in Vergessenheit geraten sind. Moringa ist so ein Beispiel: Der Baum wird in Afrika wieder als Superfood gehandelt, weil seine Blätter sehr nährstoffreich sind. 

Woran erkennen Sie, ob ein Projekt erfolgreich verläuft?

Wir prüfen, ob sich die Ernährung der Familien tatsächlich verbessert. Dazu führen die Teams vor, während und nach einem Projekt stichprobenartige Befragungen durch und erfassen die Ergebnisse in der App CommCare. Abgefragt wird zum Beispiel, wie viele verschiedene Nahrungsmittel eine Familie an einem Tag zur Verfügung hat, wie sich ihr Einkommen entwickelt und wie gut sie mit Wasser versorgt ist. Wir fragen zum Beispiel auch nach der Toilettennutzung: Viele Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten, dadurch verschmutzt das Trinkwasser. Es bringt ja nichts, wenn die Menschen mehr Nahrungsmittel zur Verfügung haben, aber unhygienisches Wasser trinken oder stundenlang zu einer Wasserstelle laufen und in der Zeit weder das Feld bestellen noch zur Schule gehen können. Jedes Projekt kann zudem eigene Kennzahlen ergänzen, die vor Ort relevant sind. Die Daten der Projekte sind dadurch vergleichbar und machen sichtbar, wo es Fortschritte gibt und wo nachjustiert werden muss. 

Was kann ein Projekt scheitern lassen?

Ein Projekt kann scheitern, wenn es von außen geplant wird und die Menschen vor Ort nicht selbst Verantwortung übernehmen. Deshalb setzen wir auf die Eigeninitiative der Dorfgemeinschaften und klären vor dem Projektstart, welche Akteure beteiligt sein müssen. Dazu gehört von Anfang an auch die lokale Regierung. Es hilft wenig, wenn Menschen im Dorf Unterernährung bei Kindern erkennen, aber keine Gesundheitsstation vorhanden ist, um ihnen zu helfen. Nur wenn die Gemeinschaft, lokale Behörden und weitere Partner gemeinsam Verantwortung übernehmen, kann ein Projekt nachhaltig wirken. 

Zur Person 
Christian Stark leitet bei der Welthungerhilfe die Abteilung Philanthropie & Partnerschaften. Er betreut und berät Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen, die die Organisation in größerem Umfang unterstützen möchten. Stark studierte Marketing, arbeitete zunächst in Werbeagenturen und ist seit 16 Jahren für die Welthungerhilfe tätig.

350.000 Menschen
in mehr als 500 Dörfern hat der NSC-Ansatz allein in Bangladesch, Indien und Nepal unterstützt.
Quelle: Food an Agriculture Organisation of the UN

2,3 Milliarden Menschen
haben keinen ausreichenden Zugang zu Lebensmitteln.
Quelle: Vereinte Nationen

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