Andernach – die essbare Stadt
Bild: 90Grad Photography - Hilger & Schneider GbR
In Andernach wachsen Gemüse und Obst mitten im Ort, gepflegt von Gärtnern, geerntet von allen. Ein Besuch in der mehr als 2.000 Jahre alten Stadt zeigt, wie urbane Landwirtschaft gelingen kann.
In deutschen Städten ist wenig Raum für Natur. Straßen, gepflasterte Plätze und Häuser bestimmen das Bild. Derzeit sind dem Umweltbundesamt zufolge rund 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen bebaut. In Großstädten wie Berlin steigt der Wert sogar auf mehr als 70 Prozent an. Ganz anders dagegen in Andernach: In der rheinland-pfälzischen Stadt am Rhein gibt es Obst und Gemüse nicht nur im Supermarkt, sondern es wächst über die gesamte Stadt verteilt. Andernachs erklärtes Ziel: Die städtischen Grünflächen wieder erlebbar machen. In der Essbaren Stadt heißt es ausdrücklich: „Pflücken erlaubt.“
Gemüse vom Grünstreifen – nicht aus dem Supermarkt
Schwere Regenwolken hängen an diesem trüben Tag über Andernach. Rund um die Kleinstadt reichen Weinberge runter bis zum Rhein, erste Tropfen wühlen das Wasser auf. Das Regenwetter ist gutes Wetter für das Obst und Gemüse, das entlang der historischen Stadtmauer aus der schwarzen Erde wächst. Aus einem langen Beet ragen Salatköpfe, im Hochbeet daneben wachsen Tomatenpflanzen, dahinter stehen einige Apfelbäume. An schöneren Tagen pflücken die Andernacher reife Früchte von den Bäumen und ernten das Gemüse, erzählt Jonas Gesell.
Der 28-Jährige ist Sachgebietsleiter für Umwelt und Nachhaltigkeit und für die Essbare Stadt zuständig, die Andernach 2010 ins Leben rief. Damals begannen die Gärtner damit, Grünstreifen umzugraben und Beete anzulegen. Seitdem sammeln dort manchmal Großeltern mit ihren Enkelkindern Beeren oder erklären ihnen, welche Pflanzenteile essbar sind. Andere Menschen kommen und ernten, weil sie sich das Gemüse im Supermarkt kaum leisten können. Gesell hofft, dass die Essbare Stadt für sie eine Hilfe ist.
Neue Grünflächen für die Innenstadt
Als Andernach das Projekt im Jahr der Biodiversität startete, stieß die Kampagne nicht nur auf Zuspruch. „Am Anfang konnten sich viele Leute nicht vorstellen, was das alles bringen sollte, und sie befürchteten, dass die Beete zerstört werden könnten“, erinnert sich Gesell und ergänzt: „Das Projekt startete am ersten April - einige dachten sogar, es sei ein Aprilscherz.“
Allen Zweifeln zum Trotz hat sich das Projekt seit dem Start – damals wurden genau 101 Tomatensorten gepflanzt – immer weiter ausgebreitet: Entlang der 800 Jahre alten Stadtmauer wächst inzwischen Genießbares auf rund 3.000 Quadratmetern. In der Stadt sind zudem rund 40 Hochbeete verteilt, in denen Kräuter wie Minze, Salbei oder Thymian duften. Zudem rahmen zehn Apfelspaliere den Marktplatz ein: Was bis in die 1980er-Jahre hinein ein Parkplatz war, lädt heute mit viel Grün und zahlreichen Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein.
Im Sommer kühl, im Herbst Ernte für alle
Jedes Jahr ruft die Stadt Andernach ein Motto aus, zum Beispiel die trinkbare Stadt. Davon zeugen noch heute ein Weinberg und ein Tipi, das mit Hopfen bewachsen ist. Im Jahr 2026 lautet das Motto Obst. Andernach plant, 68 Obstbäume in der Stadt zu verteilen. Sie sollen in großen Metallkisten mit einem speziellen Bewässerungssystem wachsen und können so auf asphaltierten Flächen stehen und diese kühlen. Im Sommer und Herbst tragen sie Äpfel, Birnen oder Kirschen – zur freien Verfügung für alle Andernacher.
Bild: 90Grad Photography - Hilger & Schneider GbR
Bernhard Missong verbringt fast jeden Tag in der Essbaren Stadt. Missong ist bei der Perspektive gGmbH angestellt, einer gemeinnützigen Firma, die von Anfang an die Gartenarbeiten des Projekts übernahm. Tag für Tag kümmert sich Missong gemeinsam mit seinen Kollegen – Langzeitarbeitslose und Geflüchtete – um die Beete. Das kommt gut an: „Macht ihr uns alles wieder schön, vielen Dank“, sagen Passantinnen dann etwa. Andere fragen, wann das nächste Gemüse reif ist. „Oder wir fachsimpeln ein bisschen, meistens über die Sortenauswahl oder über den verwendeten Dünger“, sagt der Gärtner. „Ab und zu melden sich auch ehrenamtliche Gruppen, die gerne ein Beet betreuen würden“, berichtet Gesell.
Essbare Stadt: fester Bestandteil von Andernach
Ein solches Projekt mehr als ein Jahrzehnt am Laufen zu halten, ist eine Herausforderung. Nicht nur wegen des notwendigen Engagements der Beteiligten. Auch finanziell. Dies gilt vor allem in Zeiten, in denen die Kassen der Kommunen leer sind. Im Jahr 2025 gab Andernach für die Essbare Stadt eine niedrige sechsstellige Summe aus, unter anderem für Lohnkosten, Bewässerung und neue Pflanzen. Genauere Zahlen sind nicht zu erfahren.
Einzelprojekte, wie beispielsweise die Hochbeete, finanziert Andernach zum Teil über Fördermittel oder auch über gewonnene Preisgelder. Für die mobilen Obstbäume, die bald in der Stadt stehen werden, rechnet Gesell mit Kosten von rund 20.000 Euro. „Andernach wird lange etwas davon haben“, verspricht Gesell: Die Bäume sollen drei Jahre in den Metallkisten wachsen und anschließend dauerhaft auf städtischen Grünflächen ausgepflanzt werden.
Kürzungen des Budgets diskutiert die Stadtverwaltung Gesell zufolge nicht. Auch, weil die Essbare Stadt zu Andernachs Identität dazugehöre. Das kann Gärtner Missong nur bestätigen: „Wir haben hier kaum Vandalismus - das ist das beste Zeichen dafür, dass die Essbare Stadt angenommen wird.“
Regelmäßig besuchen außerdem Touristen die Grünflächen unter der alten Stadtmauer. Legt ein Schiff am Rheinufer von Andernach an, ist die Essbare Stadt oft ein fester Programmpunkt der Sightseeing-Tour. Selbst an diesem grauen Tag schlendert eine Besuchergruppe zwischen den Beeten entlang.
Dicht gedrängt unter ihren Regenschirmen lauscht sie dem Tourguide. Sie macht vor einer Bananenstaude Halt, die nah an der dunklen Stadtmauer wächst. Im Sommer heizen sich die Mauersteine auf und erschaffen wärmere Temperaturen. Deshalb baut Andernach dort auch Pflanzen an, die ein wärmeres Klima bevorzugen, etwa Granatäpfel, Kaki oder eben Bananen, erklärt der Stadtführer. Ein paar Frauen lachen ungläubig auf und machen Fotos von den ausladenden Blättern der Pflanze.
Andernach stößt an seine Grenzen
Andernach war die erste Essbare Stadt Deutschlands und hat über die Jahre hinweg viele weitere Städte inspiriert. Doch langsam stößt das Vorhaben an Grenzen. „Wir haben kaum noch verfügbare Flächen für Anpflanzungen“, sagt Gesell. Was außerdem häufig übersehen werde: Nicht alle Grünflächen sind für jede Art von Nutzpflanze geeignet. „Dann probieren wir drei Jahre hintereinander, etwas zu pflanzen und dreimal wächst einfach nichts“, sagt Gesell.
Zwei Wochen nach dem Besuch zeigt sich, wie gut das Regenwetter dem Obst und Gemüse getan hat. Gärtner Missong ist zufrieden: „Das Gemüse ist richtig groß geworden.“
Der Beweis: Grün kühlt
Wie Klimaanpassung in Städten gelingt, zeigt ein besonderes Beet des Projekts Essbare Stadt: Die eine Hälfte ist mit Kies und Steinen bedeckt. Auf der anderen Hälfte wachsen neben einem schmalen Steinweg kleine Pflanzen und ein junger Baum. Eine digitale Anzeige zeigt in Echtzeit die Temperaturen der beiden Flächen an. An verregneten Tagen ist die Differenz gering. Ganz anders hingegen an sonnigen Tagen: „Am heißesten Tag im Jahr 2025 zeigte das Thermometer für das versiegelte Beet fast 50 Grad an – das begrünte Beet hingegen blieb rund zwölf Grad kühler“, sagt Jonas Gesell von der Stadt Andernach.
172 Kilogramm
Gemüse und Obst isst eine Person in Deutschland pro Jahr im Durchschnitt.
Quelle: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft
14,6 Prozent
der Fläche Deutschlands werden für Siedlung und Verkehr genutzt.
Quelle: Umweltbundesamt
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