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„Wir stehen beim Klima besser da, als wir denken“

Text von Jeanne Wellnitz
15.06.2026
Nachhaltigkeit
David Nelles | © David Nelles privat

Bild: David Nelles, privat

Der Wirtschaftswissenschaftler und Klimaexperte David Nelles ist überzeugt: In Sachen Klimaschutz ist die Menschheit auf dem richtigen Weg. Sie nimmt ihre stillen Erfolge allerdings zu wenig wahr. Ein Interview über strategischen Optimismus und die nächsten entscheidenden Schritte im Klimaschutz.

Herr Nelles, kann die Welt Klimaschutz?

Ja, und sogar deutlich besser als die meisten denken. Schauen wir uns zum Beispiel den Kohleausstieg an: Länder wie Belgien, Österreich, Spanien, Irland, Großbritannien oder Schweden haben längst einen Haken dahinter gemacht. Und es gibt viele andere Themen, die zeigen: Es geht, wenn man will. Gemessen an der Kapazität sind 90 Prozent aller weltweit neu gebauten Stromanlagen Sonnen- und Windkraftanlagen. Das kann sogar jemand wie Donald Trump nicht aufhalten. In seiner ersten Amtszeit hat sich der Kohlestromanteil beim Strommix um rund 40 Prozent reduziert und die Erneuerbaren sind um 35 Prozent gestiegen, einfach weil sich Klimaschutz mittlerweile weltweit lohnt.

Und was ist mit Deutschland – können wir das auch?

Deutschland ist wieder auf einem deutlich besseren Weg: In den vergangenen vier Jahren haben wir unsere Photovoltaik-Ausbauziele eingehalten. Wir haben die Genehmigungen von Windkraftanlagen und von großen Stromtrassen jeweils verdreifacht. Insgesamt ist der Kohlestromanteil seit dem Jahr 2000 um rund 60 Prozent zurückgegangen. Und auch in puncto Netzinfrastruktur – da wird ja oft geschimpft – ist Deutschland weiter als viele andere: Wir stehen weltweit an der Spitze, was die Netzstabilität angeht. Länder wie die USA oder China haben eine viel instabilere Netzinfrastruktur. Wir stehen beim Klima also besser da, als wir denken.

Die Leute haben Bock auf Klimaschutz, aber keinen Bock auf Politik, die sich darüber den Mund fusselig redet. 
David Nelles, Wirtschaftswissenschaftler und Klimaexperte

Unterm Strich sind das also gute Nachrichten. Trotzdem scheint Klima für viele ein Reizthema zu sein. Warum ist das so?

Das Thema wurde vor allem in Deutschland politisch verbrannt, Stichworte sind hier zum Beispiel: Heizungsgesetz und Verbotspolitik. Danach hatte niemand mehr Lust auf Klimathemen im politischen Kontext. Dabei zeigt eine weltweite Umfrage, die unter anderem von der Universität Bonn durchgeführt wurde, das noch immer fast 90 Prozent der Menschen wollen, dass die Wirtschaft klimafreundlich umgebaut wird. Für mich heißt das: Die Leute haben Bock auf Klimaschutz, aber keinen Bock auf Politik, die sich darüber den Mund fusselig redet.

Wahrscheinlich muss die mediale und politische Debatte mehr Optimismus verbreiten. So wie Sie es tun.

Genau, wir müssen alle zu strategischen Optimisten werden. Strategischer Optimismus bedeutet, erst einmal grundsätzlich davon auszugehen, dass etwas funktionieren und man das Problem anpacken kann – im Unterschied zum passiven Optimismus, bei dem sich Menschen zurücklehnen und nichts machen.

Wie wird man strategischer Optimist?

Der erste Schritt ist, unseren Blick auf die Welt geradezurücken. Das heißt: Wir sehen die Welt oft schwärzer als sie ist. Wer sich genaue Daten anschaut, bemerkt: In vielen Bereichen sind wir schon viel besser unterwegs als wir denken. Egal ob Klimaschutz, weltweite Armut oder Hunger. Der zweite Schritt ist, zu lernen, mit Veränderungen besser umzugehen. Das heißt, zu akzeptieren, dass Veränderungen nicht in geraden Linien immer perfekt nach vorne gehen, sondern dass es eben immer zwei, drei Schritte zurück gibt. Danach aber auch wieder vier nach vorne. Veränderung braucht eben Zeit.

Sehen Sie strategische Optimisten in der Politik?

Eher selten. Gerade die Klimadebatte zeichnet sich doch dadurch aus, dass die Politik Probleme vorträgt à la „Nur Deutschland steigt aus Kohle und Kernkraft gleichzeitig aus“ oder „Die Speicher – wo sind sie?“ Dabei ist der Job der Politik doch eigentlich, einen Schritt weiterzugehen und zu fragen: Ja, was machen wir denn jetzt? Was könnte die Lösung sein? Der Teil fehlt fast immer ...

Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Genehmigung von Großbatteriespeichern so zu vereinfachen, wie man auch die Genehmigung von Photovoltaik vereinfacht hat. Durch diesen Bürokratieabbau hat sich die Zahl der neu installierten PV-Anlagen in Deutschland verfünffacht.
David Nelles, Wirtschaftswissenschaftler und Klimaexperte

Was wäre denn eine Lösung?

Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Genehmigung von Großbatteriespeichern so zu vereinfachen, wie man auch die Genehmigung von Photovoltaik vereinfacht hat. Durch diesen Bürokratieabbau hat sich die Zahl der neu installierten PV-Anlagen in Deutschland verfünffacht. Ich finde: Agri-PV-Anlagen, Moor-PV-Anlagen, schwimmende PV-Anlagen oder Parkplatz-PV-Anlagen müssen keine naturschutzfachlichen Mindestkriterien erfüllen. Die Vereinfachung könnte man auch auf Speicher übertragen.

Bestimmte Genehmigungsschritte sollen also übersprungen werden. Kann sich das nicht nachteilig auf die Umwelt und die Bevölkerung vor Ort auswirken?

Ja, das kann passieren. Und ja, es kann zu stärkerem Widerstand vor Ort kommen, weil Dinge einfach schneller beschlossen und umgesetzt werden. Aber dafür sind wir dann insgesamt schneller beim Klimaschutz. Einen Preis müssen wir schließlich zahlen. Ich bin für pragmatische Kompromisse – wir müssen nicht immer auf die perfekte Lösung warten. Übrigens haben die ausgelassenen Genehmigungsschritte bei den Solaranlagen der Umwelt sogar geholfen.

Wie das?

Die Biodiversität hat zugenommen: Unter den Freiflächenanlagen leben viel mehr Arten als in einem Mais- oder Rapsfeld, dass für die PV-Module weichen musste. 

Stellen Sie sich vor, es ist 2036: Was muss passiert sein, damit Sie sagen, der Optimismus war berechtigt?

Deutschland muss viele Großbatteriespeicher gebaut haben. Unternehmen sollten ihren Fuhrpark elektrifiziert haben und ihren Strom durch Solaranlagen selbst generieren. E-Autos funktionieren als rollende Batterien, von denen wir abends dann zum Beispiel Strom entnehmen für unseren Haushalt. Wir profitieren von dynamischen Stromtarifen und nutzen unsere Wärmepumpen gleichzeitig als Klimaanlage.

Woher beziehen Sie Klimanachrichten, die guttun?

Ich folge vor allem Instagram-Kanälen, die konstruktive Botschaften verbreiten, zum Beispiel OurWorldinData, Good News Magazin und Climatereality.


Zur Person
Der Wirtschaftswissenschafter David Nelles veröffentlichte in Zusammenarbeit mit mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zwei Bücher zum Thema Klimaschutz. Der 30-Jährige zeigt in seiner neuen Publikation „Politikzirkus“, wie wir hitzige Scheindebatten und Parteihickhack aufbrechen und wieder in den Lösungsmodus schalten.

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