Die Bildgießerei Noack
Bild: Marc Krause
Die Bildgießerei Noack fertigt bronzene Plastiken und Skulpturen für das Who’s Who der Kunstszene – und das seit fast 125 Jahren.
In den Büroräumen von Hermann Noack stehen mehr Skulpturen als in manchen Museen. Die Visionen bekannter Künstler wie Jonathan Meese, Georg Baselitz, Markus Lüpertz oder Tony Cragg in Bronze zu gießen ist sein Geschäft. Etwa 400 Werke fertigt seine Bildgießerei Noack im Jahr. Auf die Frage, wie schwierig die Zusammenarbeit mit Künstlern sei, beginnt der sonst ernsthafte Unternehmer jedoch zu lachen. „Man muss Nerven haben“, sagt er und fährt sich mit der Hand über den geschorenen Kopf. „Wenn Sachen mal nicht so funktionieren, wie gewünscht, und dann noch der Zeitdruck dazukommt, wird es schon mal grenzwertig.“
Selbst unter schwierigen Bedingungen große Kunst abliefern – damit hat sich die Berliner Bildgießerei in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht. Sie tut das seit nun fast 125 Jahren. Noch zu Kaiserzeiten gründete der Ziseleur Hermann Noack I., Noacks Urgroßvater, auf Drängen der Berliner Künstler August Gaul und Fritz Klimsch eine eigene Manufaktur. Es war der Beginn der klassischen Moderne. Die beiden Bildhauer wollten nicht mehr, wie damals durchaus üblich, im Auftrag von Gießereien Wohnzimmerdekos für Bürgerhäuser entwerfen oder Statuen für den Hof. Bei Noack konnten sie ihre eigenen Ideen verwirklichen.
Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Hermann II. – auch der Vorname hat bei Noack Tradition – die von der Inflation geschwächte Firma. Unter seiner Leitung entstanden am damaligen Standort in Berlin-Friedenau Plastiken von Ernst Barlach, Renée Sintenis, Wilhelm Lehmbruck und Käthe Kollwitz. 1943 zerstörten Bomben große Teile des Unternehmens. Rettung kam von unerwarteter Seite:
1945 besetzte die russische Armee den Betrieb. „Sie schützten meine Familie vor Plünderern und versorgten sie, damit sie weiterarbeiten konnten“, erzählt der heutige Besitzer. Die Noacks gossen Tausende Bronzeelemente für den sowjetischen Ehrenfriedhof in Treptow. In den Jahren darauf erneuerte oder ersetzte die Bildgießerei städtische Kulturgüter, darunter die Viktoria auf der Siegessäule und die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Sonst blieb das Interesse an figürlicher Kunst verhalten. Zu präsent waren den Deutschen noch die muskelschweren Monumente des Nationalsozialismus.
Bild: Marc Krause
„Etwa alle zehn Jahre steht die Gießerei vor dem Aus“, erklärt Hermann Noack. Im Falle seines Vaters, Hermann III., der den Familienbetrieb ab 1958 leitete, brachten die abstrakten Skulpturen des britischen Bildhauers Henry Moore die Wende. Dieser wollte mit niemand anderem arbeiten und versuchte den Firmenchef sogar zum Umzug zu bewegen, um seine massiven Bronzen nicht mehr durch die DDR transportieren zu müssen. Was Moore nicht gelang, vollbrachte der Hermann Noack, der heute die Geschäfte leitet: Er zog die Gießerei nach Berlin-Charlottenburg um. Und er erweiterte sie, von 1.800 auf 10.000 Quadratmeter.
„In Friedenau mussten wir jedes Mal, wenn ein Lkw zu uns kam, die Straße sperren. Es war eine Katastrophe“, erinnert er sich. Sein 15 Millionen Euro teures Neubauprojekt zu finanzieren war jedoch schwieriger als gedacht. Noacks Hausbank lehnte ab. „Start-ups bekommen problemlos Geld. Aber ein handwerkliches Traditionsunternehmen gilt als Risiko.“ Letztlich fand er eine Bank, die ihm Kredit gewährte. Und auch die letzte Hürde konnte Hermann Noack nehmen: Er überzeugte seinen Vater, den über 100 Jahre alten Standort aufzugeben. „Das war bei Weitem die größte Herausforderung.“
Das neue Domizil überblickt man am besten von der Charlottenburger Caprivibrücke aus: Entlang des Spreeufers erstreckt sich ein minimalistischer Bau aus Beton, Glas und natürlich Bronze. Seine Fassade ahmt die Biegung des Flusses nach. Am Kopf des Gebäudes ist die Bar Brass untergebracht, ein Restaurant. Darüber liegen Künstlerateliers und die Wohnung von Hermann Noack und seiner Frau, der Bildhauerin Anna Bogouchevskaia. Die Werkstattgalerie im Erdgeschoss, die ebenfalls zur Gießerei gehört, bildet einen der Eingänge des Gebäudes. In ihren hellen, hohen Räumen haben Bronzen genügend Platz und Licht, um zu glänzen. Doch auch Gemälde und Fotografie werden hier künftig ausgestellt. „Wir entwickeln uns ständig weiter“, freut sich Hermann Noack.
Modell gestalten, Form aus Wachs und Gips-Schamotte oder Sand herstellen, gießen, Einzelteile zusammenschweißen, Oberflächen bearbeiten und patinieren – die Künstler entwickeln die Prozesse vor Ort mit dem Noack-Team und kommen vorbei, um sie zu kontrollieren. In den lichtdurchfluteten Atelierräumen ist genug Platz für große Ideen. Das war Hermann Noack wichtig. Er ist selbst gelernter Sandformer und Gießereimechanikermeister. Die Arbeitsprozesse kennt er seit seiner Kindheit: „Der Geruch von ausgebranntem Wachs, das Schleifen, das Hämmern, die Flex.“
Bild: Marc Krause
Der größte Kostenfaktor bei der Fertigung ist jedoch nicht die Energie, denn die liefern Solarzellen auf dem Dach, sondern die Arbeitszeit. „Wie lange brauchst du dafür, Olli?“, fragt Hermann Noack einen Mitarbeiter, der gerade mit einem Spatel vorsichtig roten Sand in Form drückt. „Zwölf Stunden?“ Der Mitarbeiter grinst und antwortet: „Eher eine Woche.“ Etwa genauso lange kann es dauern, bis die Schamotte-Form für das Wachsausschmelzverfahren im Ofen getrocknet ist.
Ist sie erst einmal gegossen, erstarrt die Bronze in wenigen Minuten. Deswegen sollte vor diesem Punkt möglichst kein Fehler passieren. Sind die Ränder in der Schmiede geglättet, entstehen in der Metallverarbeitung aus Einzelteilen raumfüllende Skulpturen. Ein Schweißer bearbeitet gerade einen kleinwagengroßen Vogel: eine Krähe von Arie van Selm. Vor den offenen Hallentüren liegen schwarze Pfähle. Was aussieht wie verbranntes Holz, ist ein Werk von Georg Baselitz, noch in Arbeit.
Was macht es mit einem, tagaus, tagein von Kunst umgeben zu sein? „Man gewöhnt sich daran“, meint Hermann Noack. „Denkt die Queen ständig darüber nach, dass sie die Queen ist?“ Wenn er durch Berlin geht, begegnen ihm häufig Werke, die sein Großvater gegossen hat. Er dagegen bekomme kaum noch Aufträge aus öffentlicher Hand. „Ausschreibungen sind zu kompliziert und bürokratisch. Nicht die besten Firmen kommen zu den Aufträgen, sondern die mit den besten Kalkulatoren und Rechtsabteilungen.“ Es geht wohl auch ohne. Zusammen mit der von ihm gegründeten Grundstücksgesellschaft, die die neuen Gebäude betreut, macht Noack heute rund 4 Millionen Euro Umsatz im Jahr.
Die nächste große Herausforderung: die fünfte Generation Noacks für den Familienbetrieb zu begeistern. Einen Bruch mit der Tradition hat diese schon herbeigeführt: Keines der Kinder trägt den Vornamen Hermann – denn Hermann Noack hat drei Töchter. Die älteste aus erster Ehe seiner Frau lebt in Japan und macht keine Anstalten, zurückzukommen. Eine studiert, die dritte geht noch zur Schule. „Mit dem Ganzen hier wären sie wirtschaftlich frei. Aber sie müssen selbst wissen, ob sie das übernehmen wollen. Mit der Gießerei kann man schon auch unglücklich werden“, sagt Hermann Noack und schaut durch das Fenster hinaus auf die Spree. Er sieht dabei allerdings ziemlich glücklich aus.
Bild: Marc Krause
Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann HAL. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.
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