Die Liebe zur zeitlosen Eleganz
Bild: Marc Krause
Er liefert seine Silberbestecke an Königshäuser, Sternerestaurants und die renommiertesten Hotels der Welt, seine edlen Holzyachten sind der Traum aller Segler. Gemessen an diesem respektgebietenden Anspruch wirkt Oliver Berking, Patron der traditionsreichen Silbermanufaktur Robbe & Berking, eher locker.
Pulli, Zehntagebart, freundliches Lächeln – so empfängt er seine Besucher in der Flensburger Firmenzentrale zu Interview und Fotoshooting. Stolz führt er durch die Produktionsräume, stellt uns Galvaniseure, Silberschmiede und andere Vertreter alter Handwerksberufe vor, die heute fast ausgestorben sind. Seit 1874 gibt es den Familienbetrieb, Berking leitet ihn in fünfter Generation. 2008 gründete er seine Werft Robbe & Berking Classics, die sich auf die Restaurierung edler Holzyachten spezialisiert hat. Ein Herzensprojekt. Der Segel-Fan wirkt geradezu euphorisch, während er über die Faszination dieser Schiffe spricht. Und noch etwas fällt auf während unseres Gesprächs. Oliver Berking hat eine ungewöhnliche, eine angenehme Angewohnheit: Er denkt immer kurz nach, bevor er antwortet.
Herr Berking, was bringt einen dazu, sein ganzes Leben in Flensburg zu verbringen?
Ich liebe diese Stadt, ich will nirgends sonst hin. Ich lebe seit 62 Jahren hier. Klar, es hängt auch damit zusammen, dass ich in diese Firma hineingeboren wurde. Aber es zieht mich tatsächlich selten in die Ferne.
Was gefällt Ihnen so an dieser Gegend?
Diese Stadt ist superschön, es gibt alte Kaufmannshöfe und Kirchen und kaum Bausünden. Und ich brauche einfach das Wasser. Das Wetter liebe ich besonders. Mir gefällt auch das Unaufgeregte, das Uneitle.
Überregional bekannt ist Ihre Lieblingsstadt vor allem durch die Verkehrssünderkartei und Beate Uhse.
Jaja, früher hieß es immer, Flensburg sei die Stadt der Sünder. Zu den beiden genannten Sünden kommen noch die vielen Spirituosen dazu, die hier hergestellt werden.
Es gibt aber auch eine bekannte Silbermanufaktur und eine Werft für edle Holzboote …
Danke.
Ihre regionale Bodenständigkeit spiegelt sich auch sonst in Ihrem Lebenslauf. Sie haben BWL studiert und sind relativ früh ins Unternehmen Ihres Vaters eingetreten. Das wirkt alles sehr geradlinig. Nie ans Ausflippen gedacht?
Mein Vater hat uns Kinder nach Ende der Schulzeit gefragt, ob sich einer von uns vorstellen kann, die Firma zu übernehmen, so wie ich das bei meinen Kindern auch mache. Und ich konnte es mir eben vorstellen. Geradlinig ist aber das falsche Wort für mein Leben. Ich finde es ganz schön aufregend.
Was ist so aufregend?
Das Spannende und worum sich alles dreht, ist das: Ich möchte der Welt zeigen, dass man auch im 21. Jahrhundert in Deutschland eine Manufaktur betreiben kann. Eine Firma, in der im Wortsinn alles in reiner Handarbeit gemacht wird. Und das in einem Land,das nicht gerade für seine Billiglöhne bekannt ist. Sicher, wir haben auch ein paar Maschinen und Werkzeuge. Aber wir fassen jeden Löffel 50-mal an. Bis genau dieser Winkel stimmt, den sonst niemand schafft. Ende des Werbeblocks (lacht).
Robbe & Berking ist eine der letzten Silbermanufakturen in Deutschland. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Ja, fast alle haben aufgegeben. Bei den meisten wurde die Produktion nach Osteuropa verlagert oder irgendwohin, wo es günstiger ist. Und sie produzieren auch Besteck aus Stahl, wie alle anderen. Das hat aber bei vielen nicht funktioniert. Wir bleiben hier und wir bleiben beim Silber. Das erfordert viel Mühe und Arbeit. Aber ich liebe es. Genau wie meine Werft. Vielleicht ist das das Geheimnis.
Bild: Marc Krause
Silber und Boote sind Ihre Welt. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Egal wo ich durch die Welt gehe, ich schaue immer nur nach Booten und nach Silber. Inspirierend ist auch unsere riesige Bibliothek mit alten Segel- und Bootsbüchern. Das alles fließt in meine Arbeit ein. Zum Beispiel in unsere Besteckkollektion namens Riva. Das Design erinnert sehr an die berühmten Riva-Boote, die viele Menschen vom Gardasee kennen.
Man wird ja nicht als Unternehmer geboren. Was waren Sie als junger Mann für ein Typ?
Meine Frau, die ich in der Schule kennengelernt habe und mit der ich seit 1980 zusammen bin, sagt immer: Du warst ein Lauter. Ich war auch ein anstrengendes Kind und kein guter Schüler. Immerhin hab’ ich das Abitur geschafft, allerdings mit einem Jahr Verspätung.
Gab es mal einen alternativen Lebensplan zur Manufaktur, wenn auch nur in Gedanken?
Ich wäre gern Kapitän geworden. Mit Schiffen in die weite Welt zu fahren, das fasziniert mich bis heute. Ich kann am Strand stehen, den Horizont betrachten und dabei in mir versinken. Das mit dem Kapitän war eine Zeitlang sogar mehr als nur ein Jungstraum. Aber es ging nie so weit, dass ich es konkret angegangen wäre. Einer meiner Söhne macht übrigens wirklich eine Kapitänsausbildung.
Hier im Konferenzraum hängt ein altes Foto Ihrer Vorfahren, die das Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet haben. Was bedeutet Ihnen Familientradition?
Sie spornt mich an. Seit 1874 ist viel passiert. Die Firma hat zwei Kriege überlebt und immer wieder ihre Kunden verloren, weil die Grenzen neu gezogen wurden. Erst zu Dänemark, dann gab es plötzlich die DDR. Das haben meine Vorfahren alles geschafft und immer weitergemacht. Und ich will nicht der in der Familie sein, der sagt: Ich hab’ keine Lust mehr, ich verkaufe die Firma an irgendeinen Luxuskonzern.
Das reizt Sie überhaupt nicht?
Nein, überhaupt nicht. Was wir machen, ist exotisch, wir alle lieben es, und beide Firmen sind so etwas wie Familienmitglieder. Die verkauft man doch nicht.
Erklären Sie doch einem Laien mal, worin sich ein Besteck von Robbe & Berking von einem Industrieprodukt hoher Qualität unterscheidet.
Darüber könnte ich Ihnen jetzt einen sechsstündigen Vortrag halten. Ganz kurz: Sie sehen es und Sie spüren es, wenn Sie zum Beispiel eine Gabel in die Hand nehmen. 50 Arbeitsgänge sorgen für diese Qualität. Das Motto unserer Firma hieß schon bei meinem Ururgroßvater: Die anderen mögen billiger sein, aber niemand darf besser sein als wir.
Das muss man sich ganz schön was kosten lassen. Ein einzelnes Esswerkzeug von Robbe & Berking kostet 300 Euro, ein ganzes Service zigtausend Euro …
Ja, sicher, das ist viel Geld. Dafür bekommt die Käuferin oder der Käufer aber das schönste Messer und den schönsten Kaffeelöffel der Welt. Die Zielgruppe, die bereit ist, dafür so viel zu bezahlen, ist natürlich sehr klein. Und sie wird immer kleiner. Vor 70 Jahren gab es in Norddeutschland drei Firmen, die nur silberne Bestecke herstellten, jede hatte mehr als 1.000 Mitarbeiter. Heute sind wir mit 160 Leuten die größte der Welt.
Woran liegt das?
Erstens haben sich die Lebensgewohnheiten geändert. Man lädt heute weniger nach Hause ein, sondern geht auswärts essen, auch zu Opas 75. Geburtstag. Früher gab es bei Hochzeiten immer diese Geschenkelisten, das ist weitgehend vorbei. Es ist auch eine Frage des Preises. Die Menschen haben weniger Geld. Unsere Kunden heute sind vor allem wohlhabende Leute, früher war es auch der Mittelstand. Und man muss natürlich zugeben: Mit einem Löffel für 89 Cent schmeckt die Suppe nicht schlechter.
Was sind das für Menschen, die so viel Geld für Silber oder für eine Yacht aus edlem Holz ausgeben?
Unsere Produkte kauft sich jedenfalls keiner, der damit angeben will. Wer das möchte, kauft sich einen Porsche, den der Nachbar auch gut sieht. Oder eine Rolex. Ob man Silberbesteck zu Hause hat, sieht ja niemand. Selbst Gäste erkennen nicht, ob das Silber ist oder nur versilbert. Das Gleiche gilt übrigens für die Holzboote unserer Werft. Das sind alles keine Angeberboote, mit denen Sie mit fünf Außenbordern über die Förde brettern können. Die meisten unserer Kunden kaufen das aus innerer Überzeugung. Weil ihr Herz es ihnen sagt. Sie lieben den unaufgeregten Luxus.
Sie geben auf Ihre Bestecke eine Nachkaufgarantie bis 2040 …
Genau, und das ist manchmal ein ganz schönes Risiko. Wenn ich ein neues Besteck herausbringe, zeige ich das meiner Frau und meiner Assistentin, mehr Marktforschung haben wir nicht. Wenn wir drei es mögen, produzieren wir es. Wenn das dann ein Flop wird, haben wir ein Problem mit der Nachkaufgarantie. Aber es hilft ja nichts.
Auf Ihrer Website und in den Katalogen taucht oft der Begriff „zeitlose Schönheit“ auf. Was verstehen Sie darunter?
Ich antworte mal mit den 12er-Yachten, auf die sich unsere Werft spezialisiert hat. Wenn ein solcher 12er 1938 in einen Hafen eingelaufen ist, dann standen die Segler auf der Brücke und hatten Tränen in den Augen, weil sie so angetan waren von der Eleganz und Schönheit dieses Bootes. Und wenn dieser 12er heute, 80 oder 90 Jahre später, wieder einläuft, haben die Menschen wieder Tränen in den Augen, weil dieses Boot so schön und elegant ist im Vergleich zu all den schwimmenden Wohnwagen und Joghurtbechern, denen man so begegnet. Auch bei den Bestecken können wir es uns nicht erlauben, irgendwelchen vorübergehenden Moden oder Trends zu folgen. Manche unserer erfolgreichen Muster sind 100 Jahre alt und wir produzieren sie bis heute.
Manche Stücke aus Ihrer Kollektion mögen Sie besonders, oder?
Ja, da gibt es viele. Aus unserer Serie Alta gibt es einen Kerzenleuchter, der wird im Museum of Modern Art in New York gezeigt, da sind wir sehr stolz drauf. Oder eine Teekanne, die nicht tropft. Die ist nicht nur schön, sondern auch praktisch.
Sie sind jetzt 62, da beginnt man darüber nachzudenken, wer die Firma mal übernimmt. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Ich habe sechs Kinder, vier Mädchen und zwei Jungs. Eine Tochter ist Mathelehrerin, eine studiert Geschichte, die nächste ist Fotografin, einer der Söhne studiert an der Business School in Kopenhagen und einer wird Kapitän in Norwegen. Bleibt eine Tochter übrig, die Lilli. Die hat Lust, die Firma zu übernehmen. Sie ist jetzt schon hier und hat tolle Ideen, mit 30 Jahren.
Bild: Marc Krause
Über Oliver Berking
Oliver Berking wird 1962 im norddeutschen Flensburg an der dänischen Grenze geboren. Bis heute ist Flensburg seine geliebte Heimatstadt. Nach dem Abitur absolviert er in Hamburg ein BWL-Studium. 1985 steigt er in fünfter Generation in den Familienbetrieb ein, die Silbermanufaktur Robbe & Berking. Sein Ururgroßvater Nicolaus Christoph Robbe hatte die Firma 1874 gegründet. Damals heiratete Robbes Tochter Henriette Robbe den jungen Silberschmiedemeister Robert Berking.
Dieser wurde an der Firma beteiligt – so entstand der Name Robbe & Berking.
Unter Oliver Berkings Führung entwickelt sich die Flensburger Manufaktur vom europäischen zum Weltmarktführer bei silbernen Bestecken. Heute gibt es auch Filialen, zum Beispiel am Hamburger Jungfernstieg, und einen Onlineshop. Mittlerweile ist mit Tochter Lilli Berking bereits die sechste Generation am Start.
Manufaktur – das ist für Oliver Berking eine Mission. Seine Bestecke sind keine Industrieprodukte, sondern werden in liebevoller Handarbeit hergestellt, von Fachleuten und Handwerkern, die bei Robbe & Berking auch ihre Ausbildung absolvieren.
Seit 1995 richtet der leidenschaftliche Segler Oliver Berking jährlich eine der größten maritimen Klassikerveranstaltungen aus: den Robbe & Berking Sterling Cup. Aus ihm ging 2008 die Yachtwerft Robbe & Berking Classics hervor.
Und Sie mischen sich bestimmt überhaupt nicht in ihre Arbeit ein …
Im Moment arbeiten wir ja noch zusammen, und das genieße ich sehr, weil ich früher oft auch ziemlich alleine war. Wenn man alles selbst bestimmen kann und nie jemanden fragen muss, dann entwickelt man auch solche Alphatier-Allüren. Wenn mich Lilli irgendwann hier rauswirft, ist es aber auch okay. Ich habe ja noch meine Werft und mit der ein paar tausend Pläne.
Die alten Holzyachten, die Sie restaurieren, sind sehr schön und sehr teuer. Verkaufen Sie in Wahrheit nicht Boote, sondern Emotionen?
Da ist etwas dran. Unsere Kunden sind in der Regel Leute mit hohem Einkommen. Und das nicht, weil sie geerbt oder im Lotto gewonnen haben, sondern weil sie sehr viel arbeiten. Die haben in der Regel nie Zeit, schon gar nicht zum Segeln. Und wenn sie es dann doch einmal tun, dann wollen sie die untergehende Abendsonne nicht auf einer Plastikoberfläche gespiegelt sehen, sondern auf dem hochglanzpolierten Mahagonideck.
Was löste bei Ihnen diese Leidenschaft aus?
Ich habe als Kind von meinen Eltern einen Optimisten geschenkt bekommen, ein Segelboot für Kinder. Seitdem segle ich, auch wenn ich kein toller Segler bin, bei keinen Regatten mitmache und auch nicht um die Welt segeln will. 1994 waren wir mal als Familie mit dem VW-Bus in Norwegen. Und dort lief in einem Fischerdorf ein Holzboot-Festival. Das hat mich angefixt, alle diese wunderschönen Boote. Da habe ich mir vorgenommen, so etwas in Flensburg zu machen. Schon ein Jahr später fand dann hier die erste Regatta statt, bei der nur Holzboote mitmachen, der Robbe & Berking Sterling Cup. Schon nach zwei Jahren war das eine riesige Veranstaltung, zu der 200 Holzboote kamen, mit 1.000 Seglern. Seitdem machen wir das jedes Jahr, seit 30 Jahren.
Und wie kam es, dass Sie eine eigene Werft gegründet haben?
Ursprünglich war das gar nicht der Plan. Mit zwei Partnern habe ich nur eine wunderschöne Yacht aus den 1930er-Jahren restauriert, die wir der Bundeswehr bei einer Versteigerung abgekauft hatten.
Dazu wurde ein Zelt neben einer Tankstelle aufgebaut. Als die Yacht nach zwei Jahren fertig war und zum Vorschein kam, schien die Sonne, es war ein Meisterwerk. Alle haben geweint. Danach kam der Plan mit der Werft auf. Hier sollten große, bedeutende Holzboote und klassische Yachten renoviert und neu gebaut werden. Wir haben groß gedacht. Die Welt sollte, wenn sie über Holzboote nachdenkt, über uns nachdenken. Daraufhin habe ich erst die Werft, dann ein Museum und danach eine Bibliothek gegründet. Es ist eine ganze maritime Welt von Robbe & Berking.
Was begeistert Sie mehr: die Boote oder das Silber?
Das Silber. Naja, ich sage das nur, weil alle immer denken, dass ich die Boote mehr liebe. Mich begeistert beides.
Alles, was Sie tun, und die Welt, in der Sie sich bewegen, wirkt so premium. Haben Sie auch eine trashige Seite?
Nein. Ich sitze sieben Tage die Woche in einer meiner beiden Firmen. Ich schaue mir kein Dschungelcamp oder so etwas an. Und wenn ich mal nicht am Schreibtisch sitze, dann nutze ich die Zeit mit der Familie.
Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann HAL. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.
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