Klimaresiliente Städte: „Vorsorge ist immer günstiger als Reparatur“
Hitze, Wasserknappheit und Starkregen stellen Europas Städte vor große Herausforderungen. Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM), erklärt, welche Lösungen bereits funktionieren und warum Investitionen in klimaresiliente Städte langfristig günstiger sind als die Beseitigung von Schäden.
Herr Schmal, was muss man sich unter einer Ausstellung mit dem Titel Too hot – Heiße Städte, neue Wege vorstellen?
Peter Cachola Schmal: Too hot bezieht sich auf den Zustand des urbanen Raums in Europa. Städte sind verstärkt von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen – zuletzt deutlich spürbar mit den Hitzewellen dieses Sommers, bei denen sich die Wärme in den Straßenschluchten staute.
Was erwartet die Besucher konkret?
In der Ausstellung zeigen wir anhand von 13 Städten, dass es bereits erfolgreiche Klimaanpassungskonzepte gibt. Darunter Frankfurt, Kopenhagen und Łódź als Städte mit gemäßigtem, kontinentalem Klima, Bern und Wien mit alpinem Einschlag, die Kleinstadt Lappeenranta in Finnland, das lettische Liepāja und das schwedische Stockholm als Vorbild in Nordeuropa. Selbstverständlich ist Paris dabei als einer der Vorreiter der Klimabewegung, aber auch die kleine niederländische Stadt Houten sowie das englische Totnes sind mit Vorzeigeprojekten vertreten, alle drei mit atlantischem Klima. Das griechische Kalamata und das katalanische Barcelona etwa stehen für Lösungen in der bereits hitzeerprobten mediterranen Region.
Warum ist es so wichtig, die Klimaresilienz von Städten zu thematisieren?
Wir haben am 19. Juni 2026 eröffnet – passenderweise zur ersten Hitzewelle des Sommers. Allein in Frankfurt brachte der Sommer dieses Jahr 46 Hitzetage mit mehr als 30 Grad, ein neuer Rekord. Wir reden offiziell davon, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. In Deutschland messen wir aber bereits 2,5 Grad mehr seit Beginn der Aufzeichnungen. Menschen in Europa spüren die Auswirkungen des Klimawandels deutlich, das sollte Druck auf die Politik ausüben. Die Städte verursachen den größten Anteil an CO₂-Emissionen, daher tragen sie eine besondere Verantwortung.
Welches Ziel verfolgt das DAM mit der Ausstellung?
Als unabhängige öffentliche Plattform hoffen wir, dass die Ausstellung konkrete Impulse liefert – Städte müssen erfinderisch werden. Und tatsächlich kommen Mitarbeitende von Ämtern und Stadtverwaltungen und schauen sich die Best Practices der Ausstellung an, nehmen an Führungen teil und diskutieren. Wir arbeiten mit Partnern, die zudem Vorträge zum Thema gestalten, wie mit Architects for Future, dem Helmholtz-Institut und dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten.
Was ist Ihr persönliches Highlight?
Besonders schön ist ein ganzer Tisch voller Dinge, die man anfassen und erkunden kann. Darunter der Klimarucksack, den Professor Daniele Santucci von der RWTH Aachen entwickelt hat: eine Art tragbare kleine Wetterstation, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit anzeigt, inklusive Aufzeichnung und Vergleichswerten. Beeindruckend sind auch die großen schwarzen Plastikblöcke daneben: Kunststoff-Rigolensysteme, die als Teil einer unterirdischen Zisterne unter dem Berliner Gendarmenmarkt verbaut sind. Die Blöcke sind innen hohl, können viel Wasser speichern und gleichzeitig schwere Lasten tragen. Dank ihnen ist der Gendarmenmarkt nun bei Starkregen ein Überschussbecken.
Welche konkreten Lösungsansätze zeigt Too hot noch?
Schauen wir beispielsweise auf das niederländische Houten: Dort gibt es die Vorgabe, die versiegelte Fläche auf 40 Prozent zu begrenzen, 60 Prozent sollen Grün- und Wasserflächen sein. Dafür werden jährlich mindestens 3.000 Quadratmeter Asphalt entfernt und bei jedem Straßenbau zehn Prozent weniger Fläche versiegelt. Die Umsetzung bleibt jedoch nicht allein an den Behörden hängen: So werden die Bewohnerinnen und Bewohner ermuntert, die Steinplatten vor ihren Häusern selbst zu entfernen, um die Fassaden zu begrünen.
Was passiert außerdem noch?
Interessant sind auch Maßnahmen gegen Starkregenereignisse. Ein Beispiel: Im Jahr 2011 fiel in Kopenhagen in weniger als drei Stunden so viel Regen wie sonst in zwei Monaten. Schäden in Milliardenhöhe waren die Folge. Als Konsequenz errichtete die dänische Hauptstadt Klimaparks: große Freizeitflächen mit tiefergelegten Grünanlagen, Basketball- und Fußballplätzen und einer umschließenden Mauer, in die man Schotten einlassen kann. So werden die Parks im Ernstfall mit Wasser aus den umliegenden Quartieren geflutet und können Millionen Liter kurzzeitig speichern.
Oft ist Wasser in Städten doch eher Mangelware, oder?
Ja, die Dürre dieses Sommers hat uns das noch einmal klar vor Augen geführt. Und auch für diese Fälle gibt es Konzepte: Kostenlose Trinkwasserbrunnen sind in wärmeren Regionen seit langem etabliert, in Rom gibt es bereits mehr als 4.000 Brunnen. Im mediterranen Raum sind zudem Nebelduschen in der Gastronomie weit verbreitet: Ein feiner Sprühnebel aus fest installierten Düsen oder mobilen Wassertanks mit Ventilator, mit denen sich die Temperatur auf der Terrasse um etwa zehn Grad senken lässt – und das mit geringem Wasserverlust.
Lernen wir in Deutschland aus diesen Beispielen?
Leider nur sehr begrenzt. Paris etwa hat Flächen großzügig entsiegelt und Straßenprofile dauerhaft verändert. Bei uns werden dagegen aus rechtlichen Gründen oft nur provisorisch Markierungen gesetzt, die sich jederzeit entfernen lassen, um verkehrsberuhigte Straßen zurückzubauen, wenn Anwohner klagen. In Deutschland agieren wir noch zu halbherzig oder zu langsam.
Die Stadtplanungsämter sind hierzulande also zu zaghaft für bahnbrechende Projekte?
Das kann man nicht verallgemeinern. Kleinere Orte sind oft schneller und flexibler als größere Städte. Es gibt kleine Gemeinden in der Pfalz, die dank flexiblem Mobilitätskonzept Menschen mit Sammelbussen von A nach B befördern, unkompliziert aus privaten Initiativen entstanden.
Wir könnten von Kopenhagen lernen: Dort gibt es in der Innenstadt keine Parkplätze am Straßenrand, nur Quartiersgaragen für Anwohner, große Parkhäuser weiter außerhalb und dazu On-Demand-Busse und einen ausgeprägten Rad- und Fußverkehr. Neue Geschäftsideen zeigen, dass auch der Einzelhandel nicht darunter leiden muss. Zum Beispiel ein neues, urbanes Möbelhaus, das Leih-Lastenräder und Lieferservice bietet und mit einer guten Bahnanbindung punktet, sodass Kunden nicht unbedingt mit dem eigenen Auto kommen müssen.
Wie sehen Sie die Kostenfrage? Sind größere Infrastrukturprojekte noch finanzierbar?
Jede vorausplanende Hitzemaßnahme kostet weniger als die Schäden, die sie verhindert. Vorsorge ist immer günstiger als Reparatur. Das alles ist nur eine Frage der richtigen Perspektive – und des passenden Vorbilds.
Zur Person
Peter Cachola Schmal lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Seit 2006 ist er Leitender Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und verantwortet jährlich mehr als 150 Veranstaltungen. Schmal ist außerdem Mitglied im Städtebaubeirat der Stadt Frankfurt.
2,5 Grad
beträgt der Anstieg der Durchschnittstemperatur in Deutschland seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1881 – doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt.
Quelle: Deutscher Wetterdienst
75 Prozent
der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen Städte.
Quelle: International Energy Agency
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