„Wir suchen Vorbilder, die andere inspirieren“
Bild: Bethmann Bank Stiftung
Der Bethmann Bank Stiftungspreis zeichnet erstmals Unternehmen aus, die nachhaltige Geschäftsmodelle in die Praxis umsetzen. Vorstandsmitglied der Stiftung York Asche und Juror Leon Reiner erklären, worauf es bei der Bewerbung ankommt und warum Zukunftsfähigkeit mehr bedeutet als Klimaschutz.
Herr Asche, warum hat die Bethmann Bank Stiftung den Nachhaltigkeitspreis ins Leben gerufen?
York Asche: Mit dem Stiftungspreis wollen wir einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft leisten. Wir möchten zeigen, dass Zukunft nicht einfach entsteht, sondern gestaltet wird – von Unternehmerinnen und Unternehmern, die neue Ideen entwickeln und erfolgreich umsetzen. Unser Beitrag soll kein Lippenbekenntnis sein, sondern sichtbar werden.
Sie sprechen lieber von Zukunftsfähigkeit als von Nachhaltigkeit. Warum?
Asche: Der Begriff Nachhaltigkeit wird heute oft sehr eng verstanden und ist vor allem mit Klima- oder Energiefragen verbunden. Wir finden: Zukunftsfähigkeit ist deutlich umfassender. Sie orientiert sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen – von Bildung und Gesundheit bis hin zu nachhaltigen Städten oder verantwortungsvollem Wirtschaften. Wir suchen deshalb Konzepte, die skalierbar sind und sich auf andere Bereiche übertragen lassen. Sie sollen sich wirtschaftlich realisieren lassen und den Menschen einen echten Mehrwert bieten.
"Wir suchen Konzepte, die skalierbar sind und sich auf andere Bereiche übertragen lassen. Sie sollen sich wirtschaftlich realisieren lassen und den Menschen einen echten Mehrwert bieten."
Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg sind für Sie also untrennbar miteinander verbunden?
Leon Reiner: Unbedingt! Der Nachhaltigkeitsbegriff besteht ursprünglich aus drei Säulen: people, planet und profit. Er umfasst also soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Das Finanzielle war schon immer Teil dieses Begriffs. Heute wird das häufig vergessen. Ich bin überzeugt, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Erfolg überhaupt erst möglich machen. Unternehmen brauchen eine starke Zivilgesellschaft und eine gesunde Umwelt. Das sind Grundlagen für Stabilität und damit für Zukunftsfähigkeit.
Reicht eine gute Idee oder muss ein Unternehmen bereits Erfolge vorweisen, um für den Bethmann Bank Stiftungspreis in Frage zu kommen?
Asche: Eine gute Idee allein reicht nicht. Gerade bei jungen Unternehmen sollten erste Erfolge sichtbar sein. Das Unternehmen muss zeigen, dass sich das Geschäftsmodell bewährt. Aber wir suchen ja nicht nur Start-ups. Wir haben auch Bewerbungen von Unternehmen, die seit mehr als 100 Jahren bestehen. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern die Fähigkeit, sich im Laufe der Jahre immer wieder neu zu erfinden.
Haben Sie ein Beispiel für uns?
Reiner: Ein gutes Beispiel stellt ein früherer Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises dar, ein traditionsreicher Hersteller von Pflastersteinen. Auf den ersten Blick wirkt das wenig spektakulär. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass das Unternehmen über Jahrzehnte hinweg seine Produktion konsequent nachhaltiger gestaltet hat – energieeffizient, ressourcenschonend und sozial verantwortlich.
Worauf achten Sie bei einer Bewerbung als Erstes?
Reiner: Wir suchen keine Unternehmen, die einfach vieles richtig machen. Wir suchen Vorbilder, die andere inspirieren. Ein Betriebskindergarten oder familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind großartig. Aber für diesen Preis suchen wir Ansätze, die wirklich herausragen und zeigen, wie nachhaltiges Unternehmertum künftig aussehen kann. Uns interessieren Unternehmen, die neue Wege gehen und bei denen andere sagen: Davon können wir lernen.
Wie stellen Sie sicher, dass Unternehmen tatsächlich nachhaltig handeln?
Reiner: Je nach Unternehmen schauen wir auf unterschiedliche Dinge. Bei jungen Firmen prüfen wir, ob hinter der Idee tatsächlich ein funktionierendes Geschäftsmodell steckt. Bei etablierten Betrieben fragen wir nach, ob die Nachhaltigkeit wirklich gelebt wird oder ob es sich lediglich um einen grünen Anstrich handelt.
"Wir suchen keine Unternehmen, die einfach vieles richtig machen. Wir suchen Vorbilder, die andere inspirieren."
Das heißt, Sie bewerten nicht nur die nachhaltige Idee, sondern auch die Art und Weise, wie ein Unternehmen wirtschaftet?
Asche: Ja, wir betrachten das Unternehmen als Ganzes. Dazu gehören auch Prozesse, Lieferketten und Arbeitsbedingungen. Wenn ein Unternehmen beispielsweise besonders innovative Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickelt hat oder Geschlechtergerechtigkeit fördert, fließt das ebenfalls in die Bewertung ein. Entscheidend ist, dass das Gesamtbild stimmig ist und die nachhaltige Idee nicht durch andere Unternehmensbereiche konterkariert wird.
Gibt es ein Kriterium, das am Ende den Ausschlag gibt?
Reiner: Wir arbeiten mit diversen festgelegten Kriterien und bewerten die Bewerbungen zunächst einzeln. Am Ende entscheidet jedoch der Gesamteindruck. Meine Erfahrung zeigt: Bei den stärksten und den schwächsten Bewerbungen ist die Jury meist schnell einer Meinung. Diskussionen kommen oft bei den Unternehmen im Mittelfeld auf. Dort bringen die Jurymitglieder ihre unterschiedlichen Perspektiven ein, hinterfragen die Bewerbungen und treffen schließlich gemeinsam eine Entscheidung.
Vor welchen Herausforderungen stehen nachhaltige Unternehmen derzeit?
Reiner: Aktuell ist nachhaltiges Unternehmertum besonders anspruchsvoll. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, viele Unternehmen stehen unter Kostendruck. Umso wichtiger ist es, Modelle sichtbar zu machen, die Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg verbinden. Nachhaltige Geschäftsmodelle zahlen sich oft erst langfristig aus und nicht schon im nächsten Quartal. Gerade deshalb braucht es Initiativen wie diesen Preis. Er soll zeigen, dass Zukunftsfähigkeit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten relevant bleibt.
Der Stiftungspreis ist bewusst breit angelegt. Soll das langfristig so bleiben?
Asche: Der Preis befindet sich noch im Aufbau. Im ersten Schritt möchten wir Erfahrungen sammeln und sehen, welche Unternehmen sich bewerben und welche Themen besonders relevant werden. Langfristig ist es denkbar, Schwerpunkte zu setzen oder den Preis weiterzuentwickeln – etwa durch zusätzliche Kategorien oder Sonderpreise, wenn sich dafür Unterstützer finden.
Der Bethmann Bank Stiftungspreis
Die Bethmann Bank Stiftung wurde 2024 gegründet und fördert Projekte für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Im Jahr 2026 lobt sie erstmals den Stiftungspreis aus, für den sich Unternehmen mit innovativen nachhaltigen Ansätzen bewerben können. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Darüber hinaus will die Stiftung den Preisträgern eine Plattform bieten und ihnen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen.
Die Bewerbungsfrist endet am 31. August 2026.
75 % der europäischen Unternehmen
sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlichem Erfolg.
Quelle: KPMG
75 % der Unternehmen,
die künftig nicht mehr von der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung betroffen sind, wollen weiterhin einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen.
Quelle: Sustainability Transformation Monitor 2026
Dr. Dirk Reitze ist Facharzt für Innere Medizin und im Vorstand von Klimadocs. Der Kölner Verein engagiert sich für ein stabiles Klima und eine intakte Umwelt – immer mit Blick auf die Verbesserung der Gesundheit von uns allen.
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