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Unser Dorf lebt! Teil 2: Die neue Dorfärztin

Text von Nadja Christ
10.09.2026
Gesellschaft
Beispielbild eines Dorfes als Aufmacher für diese Serie. Das Bild zeigt das historische Dorf Gruiten. | © Eugenia pan Kiv, Unsplash

Bild: Eugenia pan Kiv, Unsplash

Wenn im Dorf die Hausarztpraxis ohne Nachfolge schließt, fällt ein wichtiger Pfeiler des Dorflebens weg. Die Gemeinde Langenbach bei Freising hat das erlebt – und etwas dagegen unternommen. Mit einer eigenen Kampagne hat das Dorf eine neue Lösung für die medizinische Versorgung vor Ort gefunden: eine hybride Praxis.

Bis 2040 werden in Deutschland voraussichtlich 5.000 Hausärztinnen und Hausärzte fehlen, errechnet eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung und des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung. Besonders auf dem Land drohen Versorgungslücken. Schon heute finden viele Dorfpraxen keine Nachfolge mehr. Patientinnen und Patienten werden für einen Arzttermin weitere Wege auf sich nehmen müssen, die Notdienste geraten unter Druck. Eine Gemeinde in Bayern hat erlebt, was es heißt, plötzlich ohne Hausarzt dazustehen – und machte sich mit einer ungewöhnlichen Aktion erfolgreich selbst auf die Suche nach einer Nachfolge.

Wenn im Dorf die Hausarztpraxis schließt

Montag, 8 Uhr morgens in Langenbach. Im hellen, modern eingerichteten Sprechzimmer nimmt der erste Patient des Tages vor einem großen Bildschirm Platz. Auf dem Monitor erscheint Langenbachs Hausärztin. Sie klickt sich durch die elektronische Patientenakte, blendet Laborwerte ein und bespricht die Ergebnisse mit ihm. Für die Menschen in Langenbach gehört diese Art der Sprechstunde inzwischen zum Alltag. Über Jahrzehnte lief es in Langenbach wie in vielen Dörfern: „Der Hausarzt wohnte im Ort, war quasi rund um die Uhr erreichbar und kannte ganze Familien über Generationen“, erinnert sich Walter Schmidt. Der 72-Jährige wohnt seit 1980 in Langenbach und ist seit 2026 Bürgermeister der Gemeinde. Jahrzehntelang war es so: Ging der Hausarzt in Rente, übernahm eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger, das Praxisschild wurde ausgetauscht und der Alltag ging weiter.  

Wenn der Supermarkt zumacht, fahre ich einfach zum nächsten. Das geht beim Hausarzt nicht so leicht.
Bernhard Götz, Geschäftsleiter Gemeinde Langenbach

Doch 2023 kam es anders: Der langjährige Hausarzt hörte altersbedingt auf, eine Nachfolge suchte die Gemeinde vergebens. „Die Anforderungen an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind gestiegen“, erklärt der Geschäftsleiter der Gemeinde Langenbach Bernhard Götz. „Deswegen arbeiten viele junge Medizinerinnen und Mediziner lieber im Team, in Teilzeitmodellen und angestellt – zum Beispiel in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) oder einer Praxisgemeinschaft.“ 

Mit der Schließung der letzten Hausarztpraxis veränderte sich spürbar etwas im Ort. Viele der 4.150 Bürgerinnen und Bürger mussten sich einen neuen Hausarzt in umliegenden Gemeinden suchen. „Wenn der Supermarkt zumacht, fahre ich einfach zum nächsten. Das geht beim Hausarzt nicht so leicht“, sagt Bernhard Götz. Viele Praxen hatten längst einen Aufnahmestopp. Die Folge: Nicht nur die Wege, auch die Wartezeiten auf Termine wurden länger.

Ein Dorf sucht seinen Arzt

Mit dieser Situation wollte man sich in Langenbach nicht einfach so abfinden. Also startete man kurzerhand eine eigene Kampagne: „Der Bachdoktor – ein Dorf sucht einen Arzt“. Auf einer liebevoll gestalteten Webseite stellten sich künftige Patientinnen und Patienten vor, vom Feuerwehrkommandanten bis zur jungen Mutter. Fernsehteams und überregionale Zeitungen berichteten über die außergewöhnliche Aktion. Die Resonanz war zunächst groß, aber Monate vergingen, Kandidatinnen und Kandidaten sagten zu und wieder ab. Dabei suchten Bernhard Götz und sein Team Wohnraum, organisierten Kindergarten- und Schulplätze und entwickelten sogar eine Förderrichtlinie mit bis zu 150.000 Euro Startzuschuss für die neue Praxis. „Wir haben für alle den roten Teppich ausgerollt und sehr viel Energie und Herzblut investiert“, sagt der 37-Jährige rückblickend, „das war im Nachhinein vielleicht ein bisschen zu viel.“ Denn am Ende blieb das Praxisschild weiter leer. Die Enttäuschung war groß.

Aber im Dezember 2025 stieß Herzchirurgin und Unternehmerin Dr. Lena Eschenbach auf die Bachdoktor-Kampagnenseite. Beim ersten Treffen mit der Gemeinde war schnell klar: Ihr hybrides Praxiskonzept Better Clinics und Langenbachs Lust auf neue Wege passen perfekt zusammen. Seit März 2026 sitzt die neue, teils virtuelle, Hausarztpraxis nun in einer barrierefreien Erdgeschosswohnung eines seniorengerechten Wohnhauses, direkt an der Bahnstation und Bushaltestelle, mit Tiefgarage und Aufzug. Nicht nur die Gemeinde freut sich, auch für Better Clinics war Langenbach ein Glücksfall: Glasfaseranschluss, barrierefreie Praxisräume und ein gesicherter Kassensitz – so konnten Lena Eschenbach und ihr Team innerhalb weniger Wochen starten. 

Hybride Hausarztpraxis mit Videosprechstunde

Das Prinzip von Better Clinic: eine Kombination aus Telemedizin und Sprechstunden vor Ort. So ist an zwei Tagen pro Woche, dienstags und mittwochs, die Hausärztin in Langenbach. An Donnerstagen kommt eine Lungenfachärztin in die Praxis. Das Besondere: montags und freitags arbeitet die Hausärztin im Homeoffice und ist per Videosprechstunde erreichbar. Die Patientinnen und Patienten ihrerseits kommen aber trotzdem in die Praxis, wo jeweils eine medizinische Fachangestellte und die Physician Assistant der Praxis sie empfangen. Als medizinische Fachkraft hat eine Physician Assistant einen Studienabschluss zwischen Pflege und Medizin, darf körperlich untersuchen, Ultraschall machen und Befunde vorbereiten. Die Untersuchungsergebnisse laufen live auf den Bildschirm der Ärztin im Homeoffice, die nachfragt, anleitet, Diagnosen stellt und Behandlungen anordnet. 

Für die ältere Dorfbevölkerung bleibt die Praxis damit ein vertrauter Ort – nur dass die Ärztin an einzelnen Tagen digital im Raum ist. „Der Arztbesuch ist auch ein soziales Event: Man geht hin, trifft die MFA und die Physician Assistant, und man kann miteinander sprechen. Das ist wichtig“, erklärt Lena Eschenbach die Bedeutung einer Dorfarztpraxis.

Eschenbach hat 2021 ihre Facharztausbildung zur Herzchirurgin erfolgreich abgeschlossen. Aufgewachsen in einer Unternehmerfamilie, wollte sie sich im Anschluss selbstständig machen. Ihre Vision: Die medizinische Versorgung in unterversorgten Gemeinden sichern und zugleich bessere Arbeitsbedingungen für ihren Berufsstand schaffen. Davon profitieren heute bereits vier Ärztinnen und Ärzte in den beiden Hausarztpraxen von Better Clinics in Langenbach und der Nachbargemeinde Fraunberg. 

Weder mussten die angestellten Ärztinnen und Ärzte für ihren Job mit ihren Familien umziehen noch das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Praxis tragen. Denn hierzulande einen Kassensitz zu bekommen, eine Praxis aufzubauen und zu managen – das ist ein echter Vollzeitjob. Doch Ärztin und Unternehmerin Eschenbach und die Gemeinde Langenbach verbindet der Kampfgeist: „Ich komme aus der Herzchirurgie – einfach aufzugeben ist nicht meine Stärke.“ Für die Gemeinde Langenbach sichert das Modell eine verlässliche hausärztliche Versorgung mit langen Öffnungszeiten. Die anfängliche Skepsis gegenüber der virtuellen Sprechstunde ist verflogen.

In Teil 3 der Serie Unser Dorf lebt! lesen Sie: Raus aus dem Dorf – mit dem Bürgerbus.

23,4 Prozent 
der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sind älter als 60 Jahre und werden in den kommenden Jahren in Rente gehen.
Quelle: Bundesärztekammer, Stichtag 31.12.2025

56.000 Hausärztinnen und -ärzte
gibt es 2026 in Deutschland – 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. 
Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung

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