Unser Dorf lebt! Teil 1: Mittelpunkt des Dorfes – die Kneipe
Bild: Eugenia pan Kiv, Unsplash
Fast 40 Jahre lang gab es in Pischelsdorf keine Kneipe. Dann hat die Dorfgemeinschaft das alte Gasthaus Fanni aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Ein Lehrstück gegen Leerstand.
Steigende Betriebskosten, anhaltender Personalmangel, schwächelnde Besucherzahlen – die wirtschaftliche Lage im Gastgewerbe ist angespannt. Allein in den Jahren 2024 und 2025 schlossen nach einer Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bundesweit rund 24.500 Gastronomiebetriebe. Dabei sind sie gerade auf dem Land mehr als einfach nur ein Ort zum Essen und Trinken. Laut einer Studie des Bayerischen Zentrums für Tourismus e. V. bezeichnen 75 Prozent der Befragten Wirtshäuser als wichtig oder eher wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl im Ort. 71 Prozent sagen, sie steigern die Lebensqualität. Dass man diese Lebensqualität auch nach fast 40 kneipenlosen Jahren wieder zurückholen kann, zeigt ein kleines Dorf im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm.
Kein Nachfolger: Aus für die letzte Dorfkneipe in Pischelsdorf
Nicht einmal 500 Menschen leben in Pischelsdorf. Trotzdem gab es früher zwei Kneipen im Ort. In der einen, gleich neben dem Sportplatz, trafen sich vor allem die Jüngeren aus dem Fußballverein. Die Älteren zog es in die Fanni – benannt nach der resoluten Wirtin Franziska „Fanni“ Riedmair.
Als die Fußballmannschaft Ende der 1970er-Jahre zum Nachbarverein wechselte, schloss die Wirtschaft am Sportplatz. Mitte der 1980er-Jahre war dann auch in der Fanni Schluss. Die Wirtin musste aus Altersgründen aufhören, einen Nachfolger gab es nicht. „Oft ist es der Generationswechsel, der das Aus bedeutet“, erklärt Norbert Bergmeier. Sein erstes Bier hat er mit 17 in der Fanni getrunken. „Die Kinder wollen nicht übernehmen und Pächter zu finden ist schwer.“ Im Umkreis von Pischelsdorf, so sagt er, haben in den vergangenen Jahrzehnten mindestens 15 Wirtshäuser dichtgemacht.
Die Wiederbelebung der Dorfkneipe: Vom Fluch zum Neuanfang
Jahrzehntelang stand die Kneipe leer. Vermutlich auch, weil die ehemalige Wirtin kurz vor ihrem Tod gar einen wahrhaftigen Fluch aussprach: Wer etwas an der Wirtschaft ändere, den werde sie in seinen Träumen heimsuchen. Dennoch ließ einige Dorfbewohner der Gedanke nicht los, die Fanni wiederzueröffnen. Bergmeier: „Es gab nur noch die Freiwillige Feuerwehr im Ort. Ohne Treffpunkte wie Sportvereine oder eine Gastwirtschaft sieht man sich nur noch selten und lernt vor allem neu Zugezogene nicht kennen.“
Als die Erbengemeinschaft 2018 ein Stück Land verkaufte, das zur Wirtschaft gehörte, wurden Bergmeier und seine beiden Nachbarn, Konrad Moll und Walter Neufeld, aufmerksam. Sollte nun auch die Fanni verkauft, gar abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden? Für die drei alteingesessenen Pischelsdorfer war das undenkbar. Sie holten zwei weitere Mitstreiter ins Boot – zufällig ein Bauingenieur und ein Architekt im Ruhestand – und suchten das Gespräch mit den Erben. Denen gefiel die Idee, das alte Gasthaus wiederzubeleben. Sie waren bereit, zu verkaufen. Kurzerhand organisierten die fünf ein Treffen im Feuerwehrhaus, um ganz Pischelsdorf zu informieren. „Es kamen so viele Leute, dass einige auf dem Gang stehen mussten“, erinnert sich Bergmeier. „Da wussten wir: Gemeinsam schaffen wir das.“
Zugute kam dem Fünfergespann, dass der im Jahr 2020 neu gewählte Bürgermeister das Vorhaben unterstützte. Die Gemeinde kaufte die Fanni und gab bis zu 500.000 Euro für die Sanierung frei. 55 Prozent des Betrags wurden vom Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern bezuschusst.
Ein Dorf krempelt die Ärmel hoch – und rückt zusammen
2021 starteten unter der Aufsicht des Bauingenieurs die denkmalgerechten Renovierungsarbeiten. Die Gemeinde übernahm die Kosten für Baumaterial und Fachfirmen. So erhielt das Gebäude aus den 1860er-Jahren unter anderem ein komplett neues Fundament. Darüber hinaus packten die Dorfbewohner in rund 3.500 ehrenamtlichen Arbeitsstunden selbst mit an. „Sogar frisch Zugezogene aus dem Neubaugebiet haben mitgemacht“, erzählt Bergmeier. Vielen, denen man vorher nur einmal im Jahr auf dem Dorffest begegnet sei, sei man nun auf der Baustelle regelmäßig über den Weg gelaufen. Bergmeier: „Durch die Renovierung ist das ganze Dorf näher zusammengerückt.“
Knapp 60 Pischelsdorfer traten schließlich in die 2022 gegründete Genossenschaft Dorfheim Fanni eG ein. Ein Anteil kostete 500 Euro. Von dem Geld finanzierte die Genossenschaft die komplette Innenausstattung. Zudem pachtete sie das Gebäude von der Gemeinde. Die Genossenschaft zählt heute 164 Mitglieder und trägt alle laufenden Kosten wie Heizung, Strom, Wasser und Versicherungen.
Neueröffnung der Dorfkneipe: Endlich wieder Leben im Ort
Ende Juli 2023 wurde eröffnet – mit allem, was dazugehört: Erst fand eine Messe statt, dann zog das ganze Dorf in einem Kirchenzug zur neuen alten Wirtschaft. Es gab Schweinebraten und Gemüselasagne, Landrat und Bürgermeister hielten Reden, und gefeiert wurde natürlich bis in die Nacht.
Für die Zeit danach stand zunächst nur eines fest: freitags ist geöffnet. „Endlich wieder Stammtisch, so wie früher“, sagt Bergmeier. Einige Genossenschaftsmitglieder stehen in der Küche – jeden Freitag gibt es ein Gericht – und andere übernehmen den Ausschank. Schon nach wenigen Wochen kamen die ersten Anfragen für Treffen und Veranstaltungen. Heute gibt es in der Fanni regelmäßige Ladies’ Nights, Handarbeitsnachmittage, ein Trauercafé und die Treffen eines Dartclubs. Vereine halten dort ihre Versammlungen ab, mehrmals im Jahr treten regionale Musiker und Kabarettisten auf. „Früher, ohne Wirtschaft, wäre das alles undenkbar gewesen“, sagt Bergmeier. „Jetzt ist in manchen Wochen fast jeden Tag etwas los.“
Dorfkneipe 2.0 – die Fanni als Vorbild
Dass die Pischelsdorfer ihre Fanni wieder auf Vordermann gebracht haben, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Nicht zuletzt auch, weil Hubert Neufeld, der Neffe des inzwischen verstorbenen Walter Neufeld, die Sanierungsarbeiten mit der Kamera festgehalten hat. Daraus entstand der 90-minütige Dokumentarfilm „Fanni – oder: Wie rettet man ein Wirtshaus?“ Aus Unterfranken sind bereits Besucher angereist, um vor Ort zu sehen, wie die Pischelsdorfer das Projekt gestemmt haben. Sie möchten in ihrem eigenen Dorf ein ähnliches Vorhaben starten.
Was die Wirtin Fanni wohl sagen würde, wenn sie ihre Wirtschaft heute sehen könnte? „Sie hätte sich gefreut, dass in ihrer Kneipe wieder Leben ist“, sagt Bergmeier. Und wahrscheinlich hätte sie auch die Veränderungen akzeptiert. Zum Beispiel, dass man jetzt statt des Plumpsklos ein Wasserklosett benutzen kann.
In Teil 2 der Serie Unser Dorf lebt! lesen Sie: Gesundheit fürs Dorf – die Arztpraxis.
23,8 Prozent
der Deutschen ab 14 Jahren gehen mehrmals im Monat in Restaurants, Gaststätten und Kneipen.
Quelle: VuMA Touchpoints 2025
4,7 Millionen Menschen
in Bayern engagieren sich ehrenamtlich.
Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, 2024
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