„Fliehen Sie vor der Hitze“
Bild: Richard Vanlerberghe, Unsplash
Dr. Dirk Reitze ist Facharzt für Innere Medizin und im Vorstand von Klimadocs. Der Kölner Verein engagiert sich für ein stabiles Klima und eine intakte Umwelt – immer mit Blick auf die Verbesserung der Gesundheit von uns allen.
Herr Reitze, was passiert bei Hitze in unserem Organismus?
Der Kreislauf wird schwächer, die Gefäße weiten sich und das Blut versackt in den tiefen Abschnitten des Körpers. Was sonst noch bei uns passiert, ist ein bisschen komplexer, das kann man schwer in wenigen Worten erklären. Fakt ist, dass die Hitzeregulation des Körpers irgendwann an ihre Grenzen stößt. Die kritischen Probleme entstehen durch die Körperkerntemperatur, die normalerweise zwischen 36,5 Grad und 37,5 Grad liegt: Wenn sie trotz Regulationsmechanismen nicht mehr konstant gehalten werden kann, wird es bedrohlich. Schwierig wird es auch, wenn es in den Nächten nicht mehr abkühlt. Dann kann der Organismus sich nicht mehr regenerieren.
Mit Regulationsmechanismen meinen Sie das Schwitzen, oder?
Ja, vor allem das. Der Hund schwitzt über die Zunge und wir Menschen über die Körperoberfläche, also über die Haut. Wir erhöhen die Schweißproduktion und über die Feuchtigkeit wird Wärme an die Umgebung abgegeben, um den Körper zu kühlen. Das führt aber auch dazu, dass wir erheblich mehr Flüssigkeit verlieren.
Gibt es Organe, die besonders unter der Hitze leiden?
Ja, zum Beispiel das Gehirn und die Nieren. Das Gehirn ist besonders gefährdet, da es – wenn man nichts Schützendes auf dem Kopf hat – direkt der Hitze und der Sonne ausgesetzt ist. Es schwillt an, Funktionsstörungen sind die Folge. Einen leichten Sonnenstich hat vermutlich fast jeder schon mal gehabt: Nach einem langen Tag am See fühlt man sich schummrig und es entsteht ein komischer Druck im Kopf. Wenn das ein größeres Ausmaß annimmt und die Körperkerntemperatur weiter hochgeht, kann das sogar lebensbedrohlich werden.
Und die Nieren?
Sie können schnell Schaden nehmen. Ich habe zum Beispiel einen Fall gehabt, bei dem ein junger Mann während eines Fußballturniers drei Spiele hintereinander gemacht hat. Es war Hochsommer. Er hat zwischendurch nur mal kurz am Wasser genippt, also viel zu wenig getrunken. Da laufen die Nieren trocken und stellen ihre Funktion ein. Am Ende ist er mit einem Nierenversagen an der Dialyse gelandet.
Sind Kinder und ältere Menschen bei Hitze besonders gefährdet?
Auf jeden Fall. Die Regulation der Körpertemperatur ist bei Säuglingen und Kleinkindern noch nicht ausgereift. Außerdem ist bei ihnen die Körperoberfläche im Verhältnis zur Anzahl der Schweißdrüsen relativ groß. Das macht es schwieriger, bei Hitze gegenzusteuern. Das Hauptproblem von Säuglingen und Kleinkindern ist aber, dass sie sich nicht äußern können. Sie sagen nicht: „Mir geht es gerade schlecht, ich habe Kopfschmerzen.“ Eltern oder Betreuern fällt nicht sofort auf, wenn ihnen zu warm ist oder es ihnen nicht gut geht.
Bei älteren Menschen kommt erschwerend hinzu, dass ihr Durstempfinden deutlich herabgesetzt ist und sie oft Medikamente nehmen, die ihre Körperfunktionen ungünstig beeinflussen: Die Schweißproduktion wird reduziert, das Durstgefühl unterdrückt. Hinzu kommt: Ältere Menschen leiden öfter unter Inkontinenz. Sie vermeiden es, zu trinken, damit sie nicht alle fünf Minuten auf Toilette müssen.
Wie sieht es bei Schwangeren aus?
Da Schwangere zwei Organismen versorgen müssen, ist ihr Körper ohnehin schon im Ausnahmezustand. Dementsprechend sind sie bei Hitze noch anfälliger und ihr Bedarf an Flüssigkeit und Nährstoffen ist höher als er normalerweise schon ist.
Die Sommer werden immer heißer. Müssen wir künftig auch unser Verhalten ändern und beispielsweise wie in Spanien mittags eine Siesta machen?
Da bin ich mir ziemlich sicher. Es gibt Berechnungen, was eine Hitzeperiode die Volkswirtschaft kostet, weil die Produktivität massiv sinkt. Das bezieht sich nicht nur auf Leute, die zum Beispiel auf dem Bau arbeiten, sondern auf alle Beschäftigten. Also auch auf diejenigen, die am Schreibtisch sitzen. Nicht jeder hat eine Klimaanlage im Büro. Wir werden langsamer, sind schneller erschöpft und auch schneller reizbar. Die Leistungsfähigkeit nimmt deutlich ab. Eine aktuelle Untersuchung hat gezeigt, dass mit jedem weiteren Grad über 30 Grad die Produktivität um rund drei Prozent sinkt.
Wirken sich Hitzeperioden auch auf bereits bestehende Krankheiten aus?
Ja, nehmen wir nur einmal das Thema Allergien: Pollen sind sozusagen kleine Feinstaubpartikel. Wenn es regnet, verklumpen sie und fliegen nicht. Wenn es sehr lange sehr trocken ist, werden diese Stäube deutlich mehr aufgewirbelt und lösen allergische Reaktionen aus. Untersuchungen zeigen zudem: Die Pollenflugphasen verlängern sich und wir registrieren zunehmend Einwanderungen von Pflanzen, die hochallergen wirken. Wenn Allergiker Pech haben, reagieren sie über die Bronchien und es entwickelt oder verstärkt sich ein allergisches Asthma. Was Mediziner auch feststellen: Es kommt häufiger zu späteren Allergien. Normalerweise haben die Leute schon als Kinder oder Jugendliche die ersten Allergiesymptome. Jetzt sehen wir öfter den 80-Jährigen, der erstmals sagt: „Mensch, dieses Jahr jucken mir die Augen und meine Nase läuft.“
Gibt es Krankheitsbilder, die sich durch Hitze verändern?
Im Zweifel verändern sich alle chronischen Erkrankungen. Und zwar zu ihrem Nachteil hin – egal, ob Herzschwäche oder Lungenerkrankung. Das lässt sich auch vom Mechanismus her ableiten, der dann noch mehr belastet ist. Außerdem verstärken sich bei allen Medikamenten die Nebenwirkungen, wenn die Rahmenbedingungen extremer werden. Zwei Beispiele: Entwässerungsmedikamente oder blutdrucksenkende Medikamente sind bei Hitze problematisch, weil der Blutdruck durch das Weitstellen der Gefäße sowieso absinkt und weil der Körper durch das Entwässerungsmedikament zusätzlich Flüssigkeit verliert.
Was sind Ihre Tipps bei Hitze?
Das Entscheidende ist, der Hitze möglichst zu entfliehen. Also: Verlegen Sie das Homeoffice in den Keller, anstatt bei 40 Grad unterm Dach zu arbeiten. Das kann leider nicht jeder. Ein Rentner in einer ungedämmten Dachwohnung ohne Klimaanlage kann nicht so einfach weg. Wichtig ist dann, die Flüssigkeitszufuhr zu erhöhen und Rückzugsmöglichkeiten zu nutzen. Zum Beispiel können Sie für zwei oder drei Stunden in ein Café gehen, wo es kalt ist. Hauptsache, Sie setzen sich nicht 24 Stunden am Tag der Hitze aus.
2.500 hitzebedingte Sterbefälle
gab es 2025 in Deutschland
Quelle: Robert-Koch-Institut
10 Grad
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