Zum Seiteninhalt springen Zur Fußzeile springen

Netzwerke gegen die Einsamkeit: die Gen-Z-Edition

Text von Nadja Christ
01.09.2026
Gesellschaft
Ein Junge sitzt allein auf einer Treppe vor einer Lagerhalle und schaut auf sein Handy | © Gaelle Marcel, Unsplash

Bild: Gaelle Marcel, Unsplash

Einsamkeit betrifft immer häufiger junge Menschen der Generation Z. Doch es gibt Initiativen, die dagegenhalten: mit Chat-Beratung, organisierten Spaziergängen und Puddingessen mit Gabeln.

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es unter anderem um Depressionen, sexualisierte Gewalt und Suizid. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte seien Sie achtsam, wenn das bei Ihnen der Fall ist, oder lesen Sie diesen Beitrag zusammen mit einer Vertrauensperson.


Zahlen, die aufschrecken: 45 Prozent der 14- bis 20-Jährigen fühlen sich gelegentlich oder sogar häufig einsam. 83 Prozent der Gen-Z-Zugehörigen sind überzeugt: Die Menschen entfremden sich und haben weniger Verständnis füreinander. 84 Prozent beobachten, dass das Gefühl der Einsamkeit in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Zu diesen Ergebnissen kam die Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH in einer Umfrage unter mehr als 1.000 jungen Menschen. Die meisten Teilnehmenden (84 Prozent) der Studie „Generation einsam?“ sehen die Schulen in der Pflicht, dem Trend etwas entgegenzusetzen. Darüber hinaus entstehen zwischen internationalen und bundesweiten Initiativen gegen Einsamkeit und speziellen Angeboten für Senioren immer mehr Formate, die sich vor allem an die Generation Z richten. Hier fünf interessante, hilfreiche Angebote:

Angebot 1: mit Leichtigkeit gegen die Einsamkeit

Sie verabreden sich über TikTok oder Instagram, bringen Puddingbecher und Gabeln mit und treffen sich im Park: Der Trend „Puddingessen mit Gabel“ startete 2025 in Karlsruhe und breitete sich deutschlandweit aus. In Städten wie Kiel, Hannover, Lübeck und Flensburg holen sich junge Menschen damit für einen Nachmittag ein Stück Leichtigkeit zurück. In lockerer Atmosphäre kommen Tausende zusammen, um gemeinsam weniger einsam zu sein – und brauchen dafür nicht mehr als eine Gabel und einen Pudding ihrer Wahl. Joghurt- und Grießfans sind auch herzlich willkommen.

Solche zunächst etwas skurril wirkenden Aktionen können erstaunlich sinnvoll sein. 
Ulf Thiemann, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bonn

Die Ungezwungenheit rund um das Treffen ist wichtig. In der Vodafone‑Studie „Generation einsam?“ geben 32 Prozent der Befragten an, sich keine Hilfe zu suchen, weil es ihnen zu peinlich ist. „Solche zunächst etwas skurril wirkenden Aktionen können daher erstaunlich sinnvoll sein“, sagt Ulf Thiemann, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bonn. Er ergänzt: „Sie schaffen einen gemeinsamen Anlass, über den man sofort miteinander ins Gespräch kommt – man muss weder besonders kontaktfreudig sein noch bereits jemanden kennen.“ Probleme durch ausgeprägte Einsamkeit könne ein einzelnes Treffen zwar nicht lösen. Es kann aber der erste Schritt sein, damit aus Fremden Freunde werden.

Angebot 2: gemeinsame Spaziergänge 

Mädchen und junge Frauen, die nicht allein, sondern gemeinsam unterwegs sein wollen, können sich an den Girls Walk Club in Mainz wenden. Über Social Media verabreden sie sich zu Spaziergängen am Rhein oder durch die Innenstadt, reden über alles, was sie beschäftigt oder laufen einfach eine Weile schweigend nebeneinanderher. Ähnliche Formate gibt es inzwischen in vielen deutschen Städten, zum Beispiel in Köln mit The Girls Talking & Walking Hub

„Vor allem aus Sicht der Einsamkeitsprävention ist dieses Angebot interessant, weil die soziale Begegnung nicht so stark im Vordergrund stehen muss. Man trifft sich zum Spazierengehen und kommt dabei beiläufig miteinander ins Gespräch“, erklärt Kinder- und Jugendpsychiater Thiemann. „Das kann gerade für Menschen angenehm sein, denen klassische Gruppenangebote zu künstlich oder zu verbindlich erscheinen.“ 

Angebot 3: Unterstützung von Gleichaltrigen 

Ein großer Teil des Alltags junger Menschen spielt sich am Bildschirm ab. „Kinder und Jugendliche sind im Netz mit einer ganzen Reihe von Risiken konfrontiert: von Cybermobbing über Erpressung mit intimen Bildern bis hin zu sexueller Belästigung und Cybergrooming“, erklärt Lea Römer, Geschäftsführerin von Juuuport. Die Plattform bietet deshalb Aufklärung und erste Hilfe im Netz von Jugendlichen für Jugendliche. Ehrenamtliche, geschulte Scouts beraten Gleichaltrige anonym und kostenlos zu Problemen im digitalen Alltag. 

„Der Peer-Ansatz hat einen besonderen Vorteil: Jugendliche erleben Gleichaltrige häufig als näher an ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Das kann den Zugang erleichtern“, weiß Thiemann und warnt zugleich: „Bei komplexeren psychischen Problemen reicht eine Peer-Beratung nicht aus. Es müssen professionelle Hilfen erreichbar sein.“ In solchen Fällen übernehmen die Psychologinnen aus dem Juuuport-Team. Diese unterstützen die Hilfesuchenden dabei, passende weiterführende Hilfsangebote zu finden.

Angebot 4: Hilfe per App oder Messenger

Krisenchat ist ebenfalls ein digitales Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre in seelischen Notlagen. Ein Team aus psychosozial ausgebildeten Fachkräften und Ehrenamtlichen mit einschlägigem Hintergrund berät die jungen Menschen zu 60 Prozent via WhatsApp und zu 40 Prozent über die eigens entwickelte Krisenchat-App. Die Themen reichen von Ängsten und depressiven Gefühlen über familiäre Konflikte bis hin zu akuten Krisen: „Jeweils rund 17 Prozent der Hilfesuchenden melden sich mit suizidalen Gedanken und wegen Kindeswohlgefährdung bei uns“, berichtet Bodo von Braunmühl von Krisenchat. „Einsamkeit ist dabei fast immer eine Begleiterscheinung.“

Der Peer-Ansatz hat einen besonderen Vorteil: Jugendliche erleben Gleichaltrige häufig als näher an ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Das kann den Zugang erleichtern.
Ulf Thiemann, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bonn

Dass ein Großteil der Beratung über einen vertrauten Kurznachrichtendienst läuft, passt gut zum Kommunikationsverhalten der Gen Z: „Viele junge Menschen erleben das Führen eines Telefonats inzwischen als herausfordernd“, erklärt Kinder- und Jugendpsychiater Thiemann. Er gibt jedoch zu bedenken: „Die Grenze des Angebots liegt darin, dass ein Chat keine dauerhafte soziale Beziehung ersetzen kann. Bei stärkeren oder länger anhaltenden Belastungen muss deshalb der Übergang in persönliche Beratung oder Behandlung gelingen.“ 

Angebot 5: weil Reden hilft 

In dieser Bar wird nichts bestellt, sondern zugehört: Seit August 2026 ist die Ansprechbar in der Basler Markthalle ein Treffpunkt für Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren. Hier hören ihnen geschulte junge Studierende in entspannter Atmosphäre zu. Das Schweizer Angebot ist kostenlos und anonym. In akuten Fällen können sich die Zuhörenden an die Fachpersonen der Projektpartner und Initiatoren wenden, zum Beispiel an die Hochschule für Soziale Arbeit und die Universitäre Psychiatrische Kliniken. 

Für Kinder- und Jugendpsychiater Thiemann hat das Angebot Vor- und Nachteile: Zwar können solche niedrigschwelligen Gesprächsangebote sinnvoll sein, weil sie einen unkomplizierten ersten Zugang zu Unterstützung ermöglichen. „Gleichzeitig kann es gerade für junge Menschen eine gewisse Hürde sein, eine zunächst fremde Person direkt anzusprechen“, erklärt der Facharzt. Entscheidend sei deshalb, wie gut es gelingt, tatsächlich diejenigen zu erreichen, die Unterstützung benötigen.

Die genannten Beispiele zeigen: Kreative und niederschwellige Initiativen sind wichtig. Laut Thiemann sollte es jedoch nicht das Ziel sein, möglichst viele spezielle Programme gegen Einsamkeit zu entwickeln. Wichtiger ist es, eine soziale Infrastruktur aufzubauen, in der junge Menschen selbstverständlich Möglichkeiten für Begegnung, Zugehörigkeit und Unterstützung finden.

29 Prozent 
der 14- bis 29-Jährigen benötigen psychologische Unterstützung. 
Quelle: Trendstudie Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck

21 Prozent
der jungen Menschen planen konkret, Deutschland zu verlassen, um im Ausland unter besseren Bedingungen zu leben.
Quelle: Trendstudie Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck

Ähnliche Artikel
Beispielbild eines Dorfes als Aufmacher für diese Serie. Das Bild zeigt das historische Dorf Gruiten. | © Eugenia pan Kiv, Unsplash
Foto: Eugenia pan Kiv, Unsplash
Unser Dorf lebt! Teil 2: Die neue Dorfärztin

Wenn im Dorf die Hausarztpraxis ohne Nachfolge schließt, fällt ein wichtiger Pfeiler des Dorflebens weg. Die Gemeinde Langenbach bei Freising hat das erlebt – und etwas dagegen unternommen. Mit einer eigenen Kampagne hat das Dorf eine neue Lösung für die medizinische Versorgung vor Ort gefunden: eine hybride Praxis.

5 Min.
Beispielbild eines Dorfes als Aufmacher für diese Serie. Das Bild zeigt das historische Dorf Gruiten. | © Eugenia pan Kiv, Unsplash
Foto: Eugenia pan Kiv, Unsplash
Unser Dorf lebt! Teil 1: Mittelpunkt des Dorfes – die Kneipe

Fast 40 Jahre lang gab es in Pischelsdorf keine Kneipe. Dann hat die Dorfgemeinschaft das alte Gasthaus Fanni aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Ein Lehrstück gegen Leerstand.

5 Min.
Zwei sich einander reichende Hände, die sich unterstützen | © Priscilla du Preez, Unsplash
Foto: Priscilla du Preez, Unsplash
„Wenn wir rechtzeitig hinsehen und Unterstützung anbieten, können wir ein Leben verändern“

Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu. Oft vergeht jedoch viel Zeit, bis sie Hilfe bekommen. Te:nor hat mit Amelie Reddig vom gemeinnützigen Unternehmen Tomoni gesprochen, was das für Betroffene und ihre Familien bedeutet und warum Prävention so entscheidend ist.

4 Min.
© Bethmann Bank Stiftung
Foto: Bethmann Bank Stiftung
„Wir suchen Vorbilder, die andere inspirieren“

Der Bethmann Bank Stiftungspreis zeichnet erstmals Unternehmen aus, die nachhaltige Geschäftsmodelle in die Praxis umsetzen. Vorstandsmitglied der Stiftung York Asche und Juror Leon Reiner erklären, worauf es bei der Bewerbung ankommt und warum Zukunftsfähigkeit mehr bedeutet als Klimaschutz.

5 Min.