„Wenn wir rechtzeitig hinsehen und Unterstützung anbieten, können wir ein Leben verändern“
Bild: Priscilla du Preez, Unsplash
Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu. Oft vergeht jedoch viel Zeit, bis sie Hilfe bekommen. Te:nor hat mit Amelie Reddig vom gemeinnützigen Unternehmen Tomoni gesprochen, was das für Betroffene und ihre Familien bedeutet und warum Prävention so entscheidend ist.
Durchschnittlich 28 Wochen warten junge Menschen aktuell auf einen Platz in der Psychotherapie. Warum dauert das so lange?
Amelie Reddig: Die langen Wartezeiten haben vor allem strukturelle Ursachen: In Deutschland gibt es genug ausgebildete Psychotherapeutinnen und -therapeuten, aber zu wenig Kassensitze. Wer keinen Kassensitz hat, darf gesetzlich Versicherte in der Regel nicht behandeln, unabhängig von den eigenen Kapazitäten. Hinzu kommt, dass der Bedarf insbesondere bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Das Versorgungssystem hat sich jedoch nicht ausreichend darauf eingestellt.
Was bedeuten diese langen Wartezeiten für die Betroffenen?
Wenn psychische Erkrankungen unbehandelt bleiben, können sich diese verfestigen. Einmal tief verwurzelte Verhaltensweisen und Denkmuster wieder zu verändern, dauert sehr lange. Ein großer Böschungsbrand lässt sich eben schwerer löschen als ein kleines Feuer. Der Leidensdruck für die Betroffenen und ihr Umfeld ist im gesamten Zeitraum enorm: Viele ziehen sich zurück, meiden eventuell die Schule und verlieren den Anschluss. Dadurch besteht das Risiko, dass wichtige Entwicklungs- und Sozialisierungsschritte nicht stattfinden. Das führt später zu zahlreichen Fragen und Problemen, etwa: Wie finde ich Freunde? Wie finde ich einen Partner? Wie funktioniert der Alltag?
Und wie erleben die Familien diese Zeit?
Das wird oft unterschätzt. Ein Beinbruch ist für die betroffene Person schlimm, aber für das Umfeld meist verkraftbar. Bei psychischen Erkrankungen ist das anders: Die ganze Familie leidet mit, ist in ständiger Sorge und Alarmbereitschaft. Das ist eine enorme Belastung. Eltern wissen oft nicht, wie sie reagieren sollen, fühlen sich hilflos, machen sich eventuell sogar gegenseitig Vorwürfe. Das familiäre System gerät unter Druck – und das über Monate hinweg, manchmal sogar Jahre.
Wir sehen einen starken Anstieg bei psychischen Erkrankungen. Sind junge Menschen heute stärker belastet als früher – oder sprechen wir einfach offener darüber?
Die Ursachen des starken Anstiegs sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Einerseits verfügen wir heute über bessere Diagnosesysteme, über ein deutlich verbessertes psychosoziales Gesundheitssystem und psychische Erkrankungen werden weniger stigmatisiert. Andererseits hat sich die Lebenswelt Jugendlicher stark verändert. Großen Einfluss haben soziale Medien, die permanent Vergleichsdruck erzeugen und Mobbing verstärken. Hinzu kommen die Algorithmen: Wer sich einmal bei TikTok oder Instagram für Themen wie Krieg oder Essstörungen interessiert, landet sofort in einer Spirale. Und auch die Familienstrukturen haben sich verändert: Viele Kinder wachsen ohne feste Bezugsperson auf, viele Jugendliche fühlen sich einsam.
Welche Folgen hat das für unsere Gesellschaft?
Schulabbrüche, Leistungsrückgänge, soziale Isolation – psychische Erkrankungen können weitreichende Folgen haben. Und sie treten selten allein auf: Begleiterkrankungen wie Sucht, ebenfalls eine psychische Erkrankung, verstärken diese Auswirkungen häufig noch. Wer von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, hat schlechtere Bildungschancen und ist öfter arbeitslos. Am Ende verliert so nicht nur der Einzelne, sondern das ganze System: durch weniger Bildung, weniger Beschäftigung und hohe wirtschaftliche Verluste.
Was können Eltern, Lehrkräfte und weitere Bezugspersonen tun, wenn sich bei einem jungen Menschen in ihrem Umfeld Belastung zeigt?
Zuerst sollten sie genau hinschauen. Eine psychische Krise kündigt sich fast immer durch Veränderungen an – im Verhalten, im Aussehen oder in der Konzentration. Wer so etwas bemerkt, sollte das offen ansprechen: „Ich sehe, dass du dich verändert hast. Können wir etwas tun?“
Wichtig ist es, eine Art Dorf um die betroffene Person zu bilden – Menschen, die aufmerksam sind, sich austauschen und gemeinsam unterstützen. Bevor Lehrkräfte oder andere Erwachsene die Eltern hinzuziehen, sollten sie jedoch immer die betroffene Person fragen, wem sie sich anvertrauen möchte. Manchmal sind die Eltern selbst Teil des Problems, etwa bei Gewalt oder sexuellem Missbrauch.
Und wie unterstützt Tomoni dabei?
Wir sensibilisieren Menschen dafür, genau hinzuschauen und die Anzeichen psychischer Erkrankungen früh zu erkennen. Tomoni –japanisch für zusammen – bietet dazu kostenfreie Online-Fortbildungen für vier Zielgruppen an: Lehrkräfte und Mitarbeitende an Grundschulen sowie an weiterführenden Schulen, Sporttrainerinnen und -trainer sowie Eltern und andere Verwandte. Gerade Lehrkräfte, die im Klassenverbund viele Kinder gleichzeitig erleben, können Unterschiede in der Entwicklung früh bemerken.
Was erwartet die Teilnehmenden in den Fortbildungen?
Die Seminare finden online via Zoom statt und bestehen aus Modulen von jeweils eineinhalb Stunden. Im Grundlagenmodul lernen die Teilnehmenden, welche psychischen Erkrankungen es gibt, was sie auslöst und wie sie sich zeigen können. Vertiefende Module beschäftigen sich dann mit Themen wie Depressionen, ADHS, Sucht oder Suizidalität. Außerdem vermitteln wir, wie man Gespräche mit Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher führt. Geleitet werden die Seminare von Fachkräften aus der Psychologie und Psychotherapie sowie von Menschen, die selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen sind oder waren und aus eigener Erfahrung berichten.
Und was hat es mit dem Podcast auf sich?
Der Podcast „Es braucht das ganze Dorf“ ist von Jugendlichen für Jugendliche. Junge Menschen sprechen dort gemeinsam mit Fachleuten aus der Psychologie und Psychotherapie von ihren Erfahrungen, beispielsweise zu selbstverletzendem Verhalten, ADHS, Autismus oder Klinikaufenthalten. Wenn Betroffene offen über ihr Erleben sprechen, erreichen sie etwas, das kein Fachvortrag leisten kann. Ich lerne bei jeder Folge etwas dazu.
Was motiviert Sie persönlich, mehr Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit bei Kindern und jungen Erwachsenen zu schaffen?
75 Prozent aller psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 25. Lebensjahr. Früherkennung ist daher essenziell. Wenn wir rechtzeitig hinsehen und Unterstützung anbieten, können wir ein ganzes Leben verändern.
Über Tomoni und Amelie Reddig
Mit 16 Jahren nimmt sich Alix und Oliver Puhls Sohn Emil das Leben. Aus dieser Erfahrung heraus gründete das Ehepaar 2022 Tomoni. Das gemeinnützige Unternehmen schult Lehrkräfte und weiteres schulisches Personal, Sporttrainer und Eltern in kostenfreien Seminaren darin, Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen. Seit drei Jahren ist auch die psychologische Psychotherapeutin Amelie Reddig Teil des mittlerweile rund 25-köpfigen Teams. Seit seiner Gründung hat Tomoni nach eigenen Angaben über geschulte Erwachsene bereits rund 250.000 Kinder und Jugendliche erreicht.
18 Prozent
aller Todesfälle bei 10- bis unter 25-Jährigen gehen auf Suizid zurück.
Quelle: Destatis
146,5 Milliarden Euro
betragen die wirtschaftlichen Kosten psychischer Erkrankungen in Deutschland pro Jahr.
Quelle: OECD/EU, 2018
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