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Ehrenamtlich, unverbindlich, wertvoll

Text von Claudia Pfeifer
04.11.2026
Gesellschaft
Ehrenamtlich, unverbindlich, wertvoll: Das Bild steigt stellvertretend für den Beitrag die Hand einer jüngeren Person, die einer älteren Person Unterstützung anbietet. | © Remi Walle, Unsplash

Bild: Remi Walle, Unsplash

Ohne Ehrenamtliche geht es nicht: Sie löschen Brände, halten Sportvereine am Laufen und unterstützen Wahlen. Doch vielen Menschen fehlt die Zeit, sich dauerhaft zu binden. Flexible und unverbindliche Angebote zeigen, wie Engagement trotzdem gelingt.

Ohne Freiwillige wäre unsere Gesellschaft aufgeschmissen. Ein Beispiel gefällig? Rund eine Million Feuerwehrleute sind hierzulande laut Deutschem Feuerwehrverband ehrenamtlich tätig. Mit den gerade einmal 40.000 Berufsfeuerwehrleuten wäre eine bundesweite Hilfe bei Bränden oder Unfällen nicht abzudecken.

Der Deutsche Freiwilligensurvey des Bundesfamilienministeriums bezeichnet das Ehrenamt deshalb zu Recht als zentrale Ressource, die neben Staat und Wirtschaft gesellschaftliche Aufgaben übernimmt. Doch die Bereitschaft sinkt: Rund 37 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren engagieren sich aktuell in ihrer Freizeit. Im Jahr 2019 waren es noch rund 40 Prozent und damit etwa zwei Millionen Deutsche mehr. 

Lena Bloemacher, Vorständin der Deutschen Stiftung Engagement und Ehrenamt (DSEE), kennt die Gründe, warum Menschen ihr Engagement einschränken oder ganz beenden: „Am häufigsten werden zeitliche Gründe genannt, gefolgt von beruflichen und gesundheitlichen Belastungen. Bei jungen Menschen spielen Schule und Ausbildung eine wichtige Rolle, bei Frauen mittleren Alters die Doppelbelastung durch Beruf und Sorgearbeit.“ Hinzu kommen wachsende Bürokratie und fehlende Anerkennung. Ein möglicher Ausweg, um den schleichenden Rückzug aus dem Freiwilligenengagement zu stoppen: Ehrenamt-to-go.

Flexibilität schafft Chancen für Ehrenamt

Dabei handelt es sich um unverbindliche, zeitlich begrenzte oder projektbezogene Angebote. Das vorrübergehende Engagement ist oft losgelöst von festen Strukturen. Vor allem jüngere Altersgruppen sind bei diesen freiwilligen Adhoc-Einsätzen häufig vertreten: Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum, verfolgt etwa jeder Zweite zwischen 16 und 25 Jahren ein kurzzeitiges Engagement. Hier einige erfolgreiche Beispiele:

Zamma-Zauber: Zusammenhalt auf bayerisch 

Im Idealfall entsteht daraus etwas Bleibendes – wie aus dem Zamma-Festival im bayerischen Holzkirchen. Der Bezirk Oberbayern richtet Zamma bereits seit 1980 aus. Alle zwei Jahre findet das inklusive Festival an einem anderen Ort statt und lädt zum kreativen Mitgestalten von Kunst und Kultur ein. Für das Festival 2024 kamen zwölf Holzkirchener Hobbyköche mit Migrationsgeschichte zusammen und haben gemeinsam ein interkulturelles Kochbuch, Hoki isst bunt, gestaltet. Die Aktion und das gesamte Festival mit 17.000 Besuchenden fanden in Holzkirchen so viel Anklang, dass der kleine Ort seitdem schon zweimal sein eigenes Kulturfest, den Zamma-Zauber, veranstaltete.

Lifeteachus: aus dem Leben lernen

Manche Bereiche sind allerdings nur schwer flexibel abzudecken. Für die Arbeit mit Minderjährigen etwa gelten Schutzkonzepte, die den Einsatz einschränken. Initiativen wie Lifeteachus zeigen, wie Menschen sich auch in diesen Fällen spontan und unverbindlich motivieren lassen. Gründer Ludwig Thiede hatte die Idee, ausgefallene Schulstunden mit echter Lebens- und Berufserfahrung zu füllen. Seine Initiative bringt Ehrenamtliche in den Klassenraum, damit sie aus ihrem Leben oder von ihren Jobs erzählen und praktische Tipps weitergeben. 

Das Konzept: Lehrkräfte fragen bei einer Ausfallstunde einen Experten an. Die Person kommt in die Schulen und zeigt auf: wie geht Erste Hilfe, wie repariere ich ein Fahrrad. Erzählungen aus dem Berufsalltag vom Handwerker bis zur Software-Entwicklerin inspirieren die Kinder. Das kann auch virtuell stattfinden, per Videoanruf in der Klasse.

Arolsen Archives: gemeinsam gegen das Vergessen

Digitale Angebote schaffen Möglichkeiten, selbst von zu Hause aus Gutes zu tun. Das nutzen zum Beispiel die Arolsen Archives: Das internationale Zentrum zur Erforschung der NS-Verfolgung bewahrt Dokumente über Opfer des Nationalsozialismus auf und macht sie für Bildungsangebote, Forschende und Angehörige nutzbar. 

Im Rahmen der Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts erfassen weltweit Freiwillige Namen und Daten von NS-Verfolgten aus handschriftlichen Dokumenten und geben diese in eine digitale Datenbank ein. Das Programm startete im Jahr 2020 als Pilotprojekt mit 1.000 Schülerinnen und Schülern und findet großen Anklang: Bei der #everynamecounts-Challenge rund um den Holocaust-Gedenktag 2025 digitalisierten bereits rund 60.000 Helfer mehr als 80.000 Dokumente, vor allem Häftlingsakten aus Auschwitz. 

Be My Eyes: ein prüfender Blick hilft

Wer jenseits einzelner Kampagnen Menschen im Alltag begleiten möchte, kann dank Be My Eyes aktiv werden: Die aus einer dänischen Initiative gestartete App verbindet blinde und sehbehinderte Menschen mit Freiwilligen. Wenn das karierte Hemd ganz hinten im Schrank vergraben ist oder die Dose Ananas sich nicht vom Dosenmais unterscheiden lässt, starten Sehbehinderte einen Videocall in der App. Helfer nehmen den Anruf an und beschreiben, was sie im Video sehen. Manchmal genügt ein kurzes klärendes Gespräch. Einige Anfragen der inzwischen 1,1 Millionen Nutzenden führten auch zu langfristigen Kontakten zu den rund 11,5 Millionen Freiwilligen – je nachdem, wie gut sich die Vernetzten verstehen. 

Goodgym: fit bleiben und Gutes tun

Engagement kann auch mit einem Lauftreff starten: Die britische Organisation Goodgym verbindet Sportangebote mit gemeinnützigen Einsätzen. Als Initiative gegen Einsamkeit 2008 gestartet, ist Goodgym inzwischen in gut 70 Bezirken in ganz Großbritannien mit mehr als 28.000 angemeldeten Sportlern aktiv. Die Idee: ein Gruppen-Workout im Freien kombiniert mit gemeinschaftlichen Aktionen. So reinigen Freiwillige zwischen den Joggingrunden ein Flussufer oder bringen Senioren den Wocheneinkauf vorbei.

Point of Pride: ein Brief voller Hoffnung

Gemeinsam ist man weniger allein, dachten sich auch die Gründer von Point of Pride. Die US-amerikanische Organisation unterstützt trans Menschen in der gesundheitlichen Versorgung und sammelt unter anderem Spenden für Betroffene, die eine Hormontherapie nicht bezahlen können. Weitere Unterstützung kommt per Post in Form von Brustbinden und Kompressionswäsche – begleitet von helfenden Worten. Seit 2017 schreiben Freiwillige Postkarten und Briefe, die mit den Unterstützungspaketen an trans Menschen verschickt werden und den Empfangenden zeigen sollen: ihr werdet gesehen und wertgeschätzt. 

Anerkennung und Sichtbarkeit sind für Lena Bloemacher vom DSEE auch wichtig, damit Ehrenämter attraktiver werden: „Menschen möchten erleben, dass sie etwas bewirken und mitgestalten können. Vereine sollten deshalb Mitsprache ermöglichen und ihre Mitglieder sichtbar machen.“ Auch die Zusammensetzung von Vorständen spiele dabei eine Rolle: Wenn beispielsweise ausschließlich ältere Männer in der Führung vertreten sind, fällt es schwer, jüngere Frauen anzusprechen. „Menschen möchten sich mit ihren Ideen und Perspektiven wiederfinden“, sagt Bloemacher. 

86 Prozent 
der Ehrenamtler nutzen digitale Apps und Tools im Rahmen ihrer Tätigkeit.
Quelle: Deutscher Freiwilligensurvey

5,7 Prozent 
der Berufstätigen mit mehr als 8,5 Stunden Arbeitszeit pro Tag engagieren sich ehrenamtlich.
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

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