Unser Dorf lebt! Teil 4 - Fußballvereine auf dem Land: Wie der Kleinfeld-Cup Dorfmannschaften zurückbringt
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Fußballmannschaften auf dem Land kämpfen mit Spielerschwund. In Vorpommern-Greifswald holt ein neuer Kleinfeld-Cup kleine Dorfmannschaften zurück auf den Rasen. Die Lehren aus der ersten Saison.
Sport im Verein ist so beliebt wie noch nie: 2025 zählte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) 28 Millionen Mitgliedschaften. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich schnell, wie schwierig die Situation dieser Vereine derzeit ist. Mehr als 17 Prozent sehen sich laut einer DOSB-Befragung in ihrer Existenz bedroht – es fehlen vor allem Ehrenamtliche, die den Sportbetrieb organisieren und am Laufen halten. Das gilt auch beim beliebtesten Sport der Deutschen, dem Fußball. Vereine auf dem Land stehen hier vor dem zusätzlichen Problem: Sie haben nicht genug Spielerinnen und Spieler, um Mannschaften regelkonform anmelden zu können. Ortschaften legen deshalb ihre Mannschaften zusammen, um überhaupt trainieren und spielen zu können. Die Konsequenz: Am Ende steht ein Dorf ohne Mannschaft da, ohne Spielbetrieb und am Ende vielleicht sogar ohne Verein. Der Sportplatz, früher ein stark frequentierter Treffpunkt des Orts, ist nun verwaist – wieder ein großer Schritt in Richtung Landflucht. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald hat deshalb eine Gegenmaßnahme ausgerufen: den Kleinfeld-Cup.
Sechs Spieler, eine Mannschaft – der Kleinfeld-Cup
Am Ortsausgang des Dorfes Krusenfelde, in dem 170 Menschen leben, liegt der Sportplatz. Am Spielfeldrand stehen zwei Holzbänke, dahinter mehrere Containerhäuschen für Sportgeräte und Umkleiden. Turniere finden auf diesem Rasen selten statt. Krusenfelde hat ein Problem, das viele Dörfer kennen: Es gibt nicht genug Spieler, um eine Herrenmannschaft anmelden zu können – und das schon seit mehr als elf Jahren. „Viele können oder wollen einfach nicht mehr jedes Wochenende für ein Spiel irgendwo hinfahren", sagt Tilo Pohlmann, Trainer und Vorsitzender des BSV 95 Krusenfelde. In seiner Jugendgruppe sei das nicht anders: „Die meisten Jungs wollen nur rumbolzen und sich nicht verpflichten."
Als Björn Wudke, Leiter des Spielausschusses beim Fußballverband Vorpommern-Greifswald, im Jahr 2024 mit einer neuen Idee auf den Verein zukam, war Pohlmann sofort dabei. Wudkes Vorschlag: ein Kleinfeld-Cup für Freizeitmannschaften. Die Vorgaben: sechs Spieler pro Mannschaft, halbe Spielfelder, andere Regeln. Für Krusenfelde bedeutete das weniger Druck und starre Strukturen – und hoffentlich wieder mehr Spielende auf dem Feld.
Sechs Fußballmannschaften am Start
Das Kleinfeld-Projekt ist eine Initiative des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Auch ihm fiel auf, dass immer mehr kleine Vereine ihre Teams abmeldeten. In Gesprächen mit sechs Landesverbänden kam die vielleicht rettende Idee „Mit dem Cup wollen wir den wenigen Jungs, die weiter trainiert haben, eine Möglichkeit geben, wieder zu spielen", sagt Wudke, der bei den Planungen dabei war. Und tatsächlich kamen sechs Mannschaften zum Saisonstart im September 2025 zusammen.
Der BSV-Vorsitzende Pohlmann trainierte seine zwölf Spieler die Saison über jeden Sonntag – „wie immer". Fast jeden zweiten Sonntag trafen sie sich aber nicht zum Training, sondern zum Ligaspiel. Der Verband legte fest, welche Teams an welchem Wochenende gegeneinander antreten. Ob das samstags oder sonntags geschieht und zu welcher Uhrzeit, klärten die Vereine unter sich und entschieden sich für den Zeitraum, der den meisten Spielern passte.
Rückspiel gegen Krien – das ganze Dorf am Spielfeldrand
Im April 2026 hatte Krusenfelde Heimspiel: Rückrunde gegen Krien, bisher Tabellenvierter. An diesem Sonntag standen rund 200 Zuschauende an der Seitenlinie – mehr Menschen als im Dorf leben. Freunde und Familien verkauften Kuchen und Würstchen, während die Herrenmannschaften sich auf dem Kleinfeld ein Derby lieferten.
„Wir haben das Spiel verloren", sagt Trainer Pohlmann. „Wir haben sowieso jedes einzelne Spiel verloren." Gekämpft hätten seine Jungs trotzdem immer bis zum Ende. Anschließend sitzen die Mannschaften zusammen und trinken Bier. Man kennt sich, schließlich liegen Krien und Krusenfelde nur knappe fünf Kilometer voneinander entfernt. „Dann ist die Niederlage auch egal, uns geht's ja nicht ums Gewinnen – es geht ums Beisammensein."
Wenn nicht nur Tore zählen, sondern auch Fairplay und Latte
Tabellenletzter wurde Krusenfelde am Ende der Saison trotzdem nicht. Das liegt an zwei Kategorien, die es in normalen Kreisligen nicht gibt: Fairplay und Lattenschießen. Die Mannschaften geben sich gegenseitig bis zu drei Fairplay-Punkte, die in die Gesamtwertung einfließen. Hat der Gegner häufig gefoult, bekommt er weniger Punkte. Ähnliches gilt fürs Lattenschießen: Die Mannschaft, die aus zehn Metern Entfernung häufiger die Latte trifft, gewinnt zwei Punkte hinzu. Krusenfelde kam das zugute: „Wir waren Erster beim Lattenschießen und Fairplay", sagt Pohlmann. Die Zusatzpunkte schoben das Team einen Tabellenplatz nach oben. Vorletzter in der ersten Kleinfeld-Cup-Saison, das ist okay.
Ist der Kleinfeld-Cup die Zukunft im Fußball?
Der DFB fördert den Kleinfeld-Cup mit 3.000 Euro im Jahr, mindestens über drei Jahre hinweg. Die teilnehmenden Vereine zahlen keine Startgebühren und keine Strafen. Bald, schätzt Wudke vom Spielausschuss, wird er Sponsoren suchen müssen, um den Cup auch im Anschluss weiter finanzieren zu können.
Nicht jeder ist vom Kleinfeld-Cup begeistert. „Doch die Strukturen von 1990 funktionieren eben nicht mehr", ist sich Wudke sicher. Der Kleinfeld-Cup sei eine gute Lösung, aber noch entwicklungsfähig: „Die Fairplay-Punkte zum Beispiel", sagt Wudke, „sind eigentlich eine coole Idee, aber ich habe das Gefühl, sie schaffen eher mehr Konfliktstoff als weniger."
„Früher oder später müssen wir wieder in Strukturen reinkommen, damit wir im normalen Spielbetrieb weitermachen können", sagt Wudke. Das wird jedoch schwierig, der deutsche Fußball ist bürokratisch. Fristen, Strafen und Melderegelungen seien für kleine Vereine nur mit viel Aufwand zu erfüllen. Und auch die Behörden mischen mit: „Letztens hat sich beispielsweise das Amt bei einem Dorfverein gemeldet", sagt Wudke. Sie wollten eine Ausschankgenehmigung sehen, weil wieder ab und zu Zuschauende auf dem Platz sind. „Solche Dinge können das Projekt ganz schnell zum Scheitern bringen", sagt er, ein wenig frustriert.
Der Kleinfeld-Cup vergrößert sich
Sein eigentliches Ziel hat der Kleinfeld-Cup aber bereits erreicht: Er hat Dorfvereine zurückgebracht. So hat der SV Gützkow neue Spieler dazugewonnen und startet in der neuen Saison mit einer zweiten kompletten Herrenmannschaft in den normalen Spielbetrieb. Und auch der Kleinfeld-Cup selbst vergrößert sich: Neun Mannschaften sind in der zweiten Saison dabei.
Dem Dorf tut der Fußball ebenfalls gut: „Es passiert wieder was im Ort", sagt Trainer Pohlmann. „Das merkt die ganze Gemeinde und hält zu uns." Der Bürgermeister von Krusenfelde versuche nun sogar, einen Toilettencontainer für den Sportplatz zu organisieren. In die neue Spielsaison startet der BSV 95 mit sechs neuen Spielern – der Kleinfeld-Cup hat sich herumgesprochen.
In Teil 5 der Serie Unser Dorf lebt! lesen Sie: Bildung im Dorf – die Grundschule.
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