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Unser Dorf lebt! Teil 5: Bildung im Dorf – die Grundschule

Text von Miriam Maronna
29.10.2026
Gesellschaft
Beispielbild eines Dorfes als Aufmacher für diese Serie. Das Bild zeigt das historische Dorf Gruiten. | © Eugenia pan Kiv, Unsplash

Bild: Eugenia pan Kiv, Unsplash

Als die einzige Grundschule in Neuenheerse vor der Schließung stand, nahm das Dorf die Zukunft seiner Kinder selbst in die Hand. Mit Ehrenamt, Spenden und großem Zusammenhalt entstand die private St. Walburga Grundschule. Sieben Jahre später ist sie gefragter denn je.

Zwischen 2000 und 2025 schlossen rund 21 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ihre Tore. Das kann nicht allein daran liegen, dass es weniger Schulkinder gibt. Ihre Zahl nahm im gleichen Zeitraum lediglich um rund elf Prozent ab. Um alle Grundschüler unterzubekommen, füllen Schulen in privater Trägerschaft die Lücke. Neuenheerse, einem kleinen Ort bei Höxter in Nordrhein-Westfalen, gelang es auf diesem Weg ebenfalls, seine Grundschule vor der Schließung zu retten – und das Dorf vor weiterem Aussterben zu bewahren.

Ein Dorf rettet seine Grundschule

Collin besucht heute das Gymnasium St. Kaspar in Neuenheerse. Sein Lieblingsfach: Sport. Dass er seine gesamte Schulzeit im selben Ort verbringen würde, stand lange Zeit nicht fest. In Neuenheerse leben nämlich nur rund 1.500 Menschen. Als sich zu wenige Kinder für die erste Klasse anmeldeten, fällte der Stadtrat seine Entscheidung: Die einzige Grundschule des Dorfs sollte im Sommer 2019 schließen. „Der Beschluss war für mich ein Schock“, sagt Karl-Heinz Schwarze, der seit 1951 in Neuheerse lebt. „Grundschüler brauchen kurze Wege – und die Grundschule ist der Motor unseres Dorfs.“ Seine Befürchtung: Wenn Kinder in den Nachbarstädten zur Grundschule gehen, finden sie dort Freunde. Sie treffen sich dort, sie melden sich dort im Musik- oder Sportverein an. „Sie verschwinden aus unserem dörflichen Leben“, sagt der Rentner. „Und mit der Schule verschwindet der Ort, an dem sich die Generationen in unserem Dorf treffen.“

Für Schwarze und weitere Engagierte stand fest: Die Grundschule muss bleiben. Für ihr Vorhaben suchten sie sich Unterstützung bei den Missionaren vom Kostbaren Blut. Die katholische Ordensgemeinschaft hatte rund 60 Jahre zuvor das private Gymnasium in Neuenheerse gegründet. „Die Patres sind Profis, was Schule angeht“, sagt Schwarze. Sie kennen sich mit den Behörden aus, mit Anträgen und mit möglichen Finanzierungszuschüssen. Sie halfen Schwarze und seinen Mitstreitern dabei, einen Trägerverein für die neue Dorfgrundschule zu gründen – mit Karl-Heinz Schwarze als Vorsitzendem. Nach fast drei Jahren Vorarbeit konnten sie im Mai 2019 endlich aufatmen: Das Land NRW bewilligte den Antrag. Die St. Walburga Grundschule konnte starten – rechtzeitig zu Collins Einschulung im Herbst.

Schulsanierung: Sommerferien auf der Baustelle 

Für Collin begann seine Grundschulzeit aber schon vorher. Auf einer Baustelle, denn das alte Schulgebäude war marode. Seine Eltern und viele andere Freiwillige aus Neuenheerse sowie aus den Nachbarorten arbeiteten die gesamten Sommerferien an der Sanierung – mehr als 2.000 Arbeitsstunden kamen dabei zusammen. Von morgens bis abends hängten sie Decken ab, erneuerten Toiletten oder entrümpelten Räume. „Meine Eltern haben gestrichen“, erinnert sich Collin. „Manchmal durfte ich mitmachen, meistens habe ich aber mit den anderen Kindern draußen Fußball gespielt.“ Und zugeschaut, wie die eigene Schule neu entsteht.

„Jeden Tag kamen 40 bis 60 Menschen – versierte Handwerker, aber auch viele Leute, die einfach nur mit anpackten“, erzählt Schwarze. Die Sanierungskosten von rund 250.000 Euro finanzierte der Trägerverein größtenteils über eine großzügige Spende von Manfred und Helga Schröder, die bereits das Wasserschloss in Neuenheerse restaurieren ließen. „Um die Grundschule zu erhalten, ist ein ganzes Dorf zusammengerückt“, sagt Schwarze.

Eine alte Grundschule startet neu

Pünktlich zum Schuljahresbeginn im September 2019 war alles fertig. Mit Collin starteten weitere 19 Erstklässler in den Schulalltag, der Großteil von ihnen aus Neuenheerse. Eine Klasse pro Jahrgang, ein kleines Lehrerkollegium – persönliche Nähe zeichnet die Schule aus. „Da passiert Vieles auch mal spontan, was nicht im Lehrplan steht“, sagt Collins Mutter Patricia Filusch, die selbst Vorstandsmitglied im Trägerverein der Grundschule ist. Sie erinnert sich: „Als Collin Sachunterricht hatte, sind sie zum Bauern am Dorfrand gegangen.“ Die Kinder sammelten Körner, „dann wurde bei Collins Oma eine alte Kaffeemühle gesucht, Mehl gemahlen und Brot gebacken.“

Wir hören in jeder großen Pause fröhliches Kinderlachen – auch im Rest des Dorfs, an den Wochenenden und in den Ferien.
Karl-Heinz Schwarze

Nicht nur der Bauer und die Großeltern sind Teil der Schulgemeinschaft, zahlreiche weitere Ehrenamtliche aus dem Dorf gründeten Projekte oder leiten AGs – je nach Hobby und Beruf. So klärt zum Beispiel Franz Josef Ikenmeyer, Küchenchef und Besitzer des Landgasthauses, die Kinder über gesunde Ernährung auf und kocht mit ihnen. Das Ehepaar Shillinglaw kommt zum Englischunterricht vorbei. Die Missionare wiederum geben katholischen Religionsunterricht und organisieren Schulgottesdienste.

Ein Dorf finanziert seine Schule 

Freiwillige übernehmen zudem viele der Aufgaben, die rund um die Schule anfallen. „Es gibt bei uns Gärtner, Maler, Maurer und Zimmermänner, die Arbeiten am, im und rund um das Gebäude übernehmen“, sagt Schwarze. Das Land NRW übernimmt 94 Prozent der notwendigen Kosten. Es bleibt ein mittlerer fünfstelliger Betrag, den die Grundschule selbst finanzieren muss. Ein Förderverein unterstützt den Trägerverein der Schule dabei.

„In 60 Prozent der Neuenheerser Haushalte lebt mindestens ein Fördermitglied“, sagt Vorsitzender Bernfried Jacobi stolz. Auch Personen aus den Nachbarorten sind eingetreten, ansässige Firmen und Vereine spenden regelmäßig Geld für Arbeitsgemeinschaften, Materialien, Ausflüge oder Veranstaltungen. „Wir kämen günstiger davon, wenn wir uns auf das Nötige beschränken würden“, sagt Jacobi. „Aber Qualität ist uns wichtig.“ Deshalb investieren sie unter anderem in zusätzliche Lehrkräfte.

Vom Schülermangel zum Anmeldeüberschuss

Collins Grundschulzeit endete 2023 mit einem symbolischen Rauswurf: Die Lehrkräfte trugen ihn durch die Schultür nach draußen und ließen ihn unter dem Applaus der Eltern auf eine Turnmatte fallen. Im Sommer 2026 betrat nun der siebte Jahrgang die Schule – darunter die Schwestern Alena und Luisa. Sie haben nachmittags schon häufig auf dem Schulhof von St. Walburga gespielt. Sie wissen bereits, dass das beste Versteck im Schulgarten „hinter dem Häuschen“ ist und dass sie bald jede Pause auf „das Pferd!“ aus Holz klettern können. Vielleicht fühlt sich der Übergang vom Dorfkindergarten zur Dorfgrundschule so etwas vertrauter an.

Heute steht die Grundschule, die noch vor wenigen Jahren mangels Kinder geschlossen werden sollte, vor einer ganz anderen Herausforderung: St. Walburga darf höchstens 29 Erstklässler pro Jahrgang aufnehmen. „Unsere Anmeldezahlen liegen bei mittlerweile bis zu 55 Kindern“, sagt Schwarze. Mehr als die Hälfte davon stammen aus Nachbarorten. Einziger Ausweg: „Wir müssen Kinder ablehnen.“

So ungern er dies tut, ist es für Schwarze auch ein Zeichen, dass ein Ziel erreicht ist: „Wir hören in jeder großen Pause fröhliches Kinderlachen – auch im Rest des Dorfs, an den Wochenenden und in den Ferien.“ Neuenheerse lebt weiter.

15.566 Grundschulen
gibt es in Deutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt

9.029 allgemeinbildende Schulen
schlossen zwischen 2000 und 2025. 
Quelle: Statista

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