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Unser Dorf lebt! Teil 3: Raus aus dem Dorf – mit dem Bürgerbus

Text von Sina Hoffmann
30.09.2026
Gesellschaft
Beispielbild eines Dorfes als Aufmacher für diese Serie. Das Bild zeigt das historische Dorf Gruiten. | © Eugenia pan Kiv, Unsplash

Bild: Eugenia pan Kiv, Unsplash

Wenn die Nachfrage zu gering ist, streichen Kommunen Buslinien aus dem Fahrplan. Manchmal springen dann Bürgerbusse ein, in denen Ehrenamtliche Fahrgäste vom Dorf in den nächsten Ort bringen. Im westlichen Münsterland ergänzt der Bürgerbus den öffentlichen Nahverkehr bereits seit mehr als 40 Jahren – und gilt heute als Vorzeigemodell für andere Gemeinden.

Auf dem Land ist das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs häufig stark eingeschränkt. Viele Buslinien fahren nur selten durch kleinere Dörfer oder Kommunen stellen Verbindungen ganz ein, weil sie nicht wirtschaftlich sind. Für die Menschen bedeutet das, sie müssen ihre Wege in den nächsten größeren Ort genau planen. Oder sie sind auf das Auto angewiesen. Viele Gemeinden, die diese Lücke schließen wollen, bauen gemeinsam mit den Anwohnern ein zusätzliches Nahverkehrsangebot auf: In Bürgerbusvereinen organisieren sie Fahrten, die die Dörfer besser anbinden. Meist setzen sie Kleinbusse ein, die Ehrenamtliche mit einem normalen Pkw-Führerschein steuern dürfen. Der Bürgerbusverein Heek Legden-Ahaus im westlichen Münsterland war der erste Verein dieser Art in Deutschland – und zeigt, dass das Modell langfristig funktionieren kann.

Mit dem Bürgerbus mobil im Münsterland

Wer im Kreis Borken in Heek, Legden oder Ahaus unterwegs ist, sieht ihn regelmäßig: den roten Sprinter mit der Aufschrift Bürgerbus. Fünfmal täglich verbindet er von Montag bis Freitag zwischen sieben und 18 Uhr den Bahnhof Legden mit dem St.-Marien-Krankenhaus in Ahaus. Auf der 40 Kilometer langen Strecke fährt der Bus 39 Haltestellen an. Eine Tour hin und zurück dauert etwa zwei Stunden.

Gegründet hat sich der Bürgerbusverein im Jahr 1985. Als Inspiration dienten die Buurtbusse bei den niederländischen Nachbarn, die abgelegene Orte mit Städten verbinden und seit den 1970ern ein Erfolgsmodell sind. Rund 40 ehrenamtliche Fahrer teilen sich den Dienst hinterm Lenkrad. Damit der zeitliche Einsatz für jeden Einzelnen überschaubar bleibt, fährt in der Regel jeder Fahrer einmal pro Woche oder alle 14 Tage eine Tour. Wer mitmachen will, braucht einen Führerschein der Klasse B. Ebenfalls erforderlich: ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Personenbeförderungsschein – die Kosten hierfür übernimmt der Verein.

Bürgerbus: Rentner am Steuer 

Vereinsvorsitzender Martin Stapelbroek ist einer der Fahrer. Er engagiert sich seit acht Jahren im Verein. „Nachdem ich in den Ruhestand gegangen bin, habe ich nach einer sinnstiftenden Aufgabe gesucht und bin auf den Bürgerbus gestoßen“, sagt der ehemalige Polizist. Viele andere Helfer haben auf ähnliche Weise zum Verein gefunden. Kein Wunder, dass der Altersdurchschnitt der Fahrer bei etwa 70 Jahren liegt.

Aktuell nutzen durchschnittlich 1.200 Personen pro Monat den Bus – rund 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

Da altersbedingt immer wieder Fahrer aufhören müssen, sucht der Verein ständig Verstärkung. Vor einigen Jahren kam es dadurch erstmals zu Engpässen, berichtet Stapelbroek. Erst ein Zeitungsbericht über den Bürgerbus brachte mehrere neue Interessierte. Weil das Renteneintrittsalter steigt, können potenzielle Ehrenamtliche den Fahrdienst oft erst in höherem Alter übernehmen. Dennoch bleibt Stapelbroek optimistisch, dass der Verein weiterhin ausreichend Fahrer findet – auch weil der Bürgerbus allseits beliebt und geschätzt ist.

Im Ehrenamt die Mobilität auf dem Land sichern

Das bestätigen auch die Fahrgastzahlen: Aktuell nutzen durchschnittlich 1.200 Personen pro Monat den Bus – rund 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Klientel ist bunt durchmischt: Ältere Menschen, die nicht mehr selbst fahren wollen oder können, nutzen den Bürgerbus für den Weg zum Arzt oder zum Einkaufen. Geflüchtete aus nahe gelegenen Unterkünften fahren ebenso mit wie Schüler, Auszubildende und einige Berufstätige, die sich mit den Fahrzeiten arrangieren können. Eine Fahrt kostet zwischen 1,50 Euro und 2,50 Euro, für Kinder einen Euro. Auch das Deutschlandticket ist im Bürgerbus gültig. Die Kapazität ist jedoch begrenzt: Mehr als acht Personen darf der Bus nicht befördern. In Stoßzeiten müssen Fahrgäste daher gelegentlich warten und auf den nächsten Bus ausweichen.

Damit das Angebot verlässlich bleibt, muss auch die Technik mitspielen. Im vergangenen Jahr stand der Bürgerbus insgesamt 32 Tage in der Werkstatt. Eine lokale Autofirma kaufte daraufhin ausgemusterte Bürgerbusse, machte sie wieder flott und stellt sie den Vereinen im Münsterland als Ersatzfahrzeuge zur Verfügung. Das verursacht zwar zusätzliche Kosten, stellt aber sicher, dass der Fahrplan eingehalten werden kann.

Im Bürgerbus die Gemeinschaft stärken

Der Bürgerbus sichert aber nicht nur die Mobilität, sondern schafft durch die persönliche Atmosphäre auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. „Da ist zum Beispiel die ältere Witwe, die sich zu Hause einsam fühlt“, erzählt Stapelbroek. „Sie nutzt den Bürgerbus, um von Heek nach Ahaus zu fahren – nicht, weil sie unbedingt etwas erledigen muss, sondern um unter Menschen zu sein und mit anderen zu reden.“ 

Auch Rentnerin Elke Koziol nutzt den Bus regelmäßig, da sie kein Auto mehr besitzt. Zehn Jahre lang war sie selbst als Fahrerin im Einsatz. An diese Zeit und an die erhaltene Wertschätzung erinnert sie sich gerne, erzählt sie in einem Beitrag des ARD Morgenmagazins: „Man kennt sich hier und die Leute sagten immer: Schön, dass du jetzt fährst.“

Heek Legden-Ahaus als Blaupause für andere Kommunen

Der Bürgerbusverein gilt landesweit als Vorbild für ähnliche Projekte, die den öffentlichen Nahverkehr in ländlichen Regionen ergänzen. In Nordrhein Westfalen gibt es inzwischen 150 solcher Vereine, die pro Jahr mehr als eine Million Fahrgäste befördern.

Damit der Betrieb eines Bürgerbusses funktioniert, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Es braucht einen Verein, der die ehrenamtlichen Fahrer stellt und den Dienstplan organisiert. Ein Verkehrsunternehmen erklärt sich bereit, den Betrieb zu verantworten, denn rechtlich ist der Bürgerbus ein ganz normaler Linienbus. Die beteiligten Gemeinden müssen zusagen, den größten Teil der laufenden Kosten zu tragen, da die Fahrgelder bei Weitem nicht ausreichen, um die Betriebskosten zu decken. Zudem braucht es das Bundesland als Förderer: Es unterstützt die Anschaffung der Fahrzeuge und die Vereinsarbeit. Rollstuhlgerechte Fahrzeuge und Busse mit alternativen Antrieben erhalten erhöhte Fördersätze. Erst das Zusammenspiel aus Fördergeldern, kommunaler Finanzierung und ehrenamtlichem Engagement macht das Angebot tragfähig. 

Gemeinden und Bürgerinitiativen, die einen Bürgerbus ins Leben rufen wollen, können sich an spezielle Anlaufstellen im jeweiligen Bundesland wenden. In Nordrhein Westfalen zum Beispiel unterstützt der Dachverband Pro Bürgerbus NRW neue und etablierte Vereine. Er gibt Erfahrungen weiter, informiert über Fördermöglichkeiten und hilft bei Fragen zur Organisation.

In Teil 4 der Serie Unser Dorf lebt! lesen Sie: Teamgeist im Dorf – der Fußballverein.

500 Bürgerbusse
fahren in Deutschland.
Quelle: Mobil.NRW

50 Prozent
der Menschen auf dem Dorf empfinden den ÖPNV als mangelhaft, nur drei Prozent sind sehr zufrieden. 
Quelle: Mobilitätsstudie (MiD)

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